Nahostkonflikt: Geheimdokumente belasten Israel

Nahostkonflikt
Geheimdokumente belasten Israel

Die Palästinenser haben Israel laut Geheimdokumenten Ostjerusalem angeboten - doch Israel blockierte. Die Palästinenser wollten nicht unterzeichnen, sagt ein ex-Regierungsberater. Wem nützen die Enthüllungen - und wer hat sie lanciert?
  • 0

JerusalemPalästinensische Unterhändler sollen nach jetzt veröffentlichten Geheimdokumenten im Juni 2008 weitreichende Zugeständnisse zum künftigen Status Jerusalems gemacht haben. So soll der damalige palästinensische Ministerpräsident Ahmed Korei vorgeschlagen haben, dass Israel alle jüdischen Siedlungen um Jerusalem bis auf eine annektieren könne. Doch Israel hat in keinem Moment signalisiert, dass es das Angebot annehmen könnte.

Das geht aus einem Dokument hervor, das der arabische Fernsehsender Al-Dschasira am Sonntag veröffentlichte. Insgesamt hat der Sender nach eigenen Angaben 1600 Dokumente erhalten, die einen Einblick in mehr als ein Jahrzehnt geheimer Verhandlungen zwischen den Palästinensern, Israel und den USA gäben.

Laut dem Sender handelt es sich um Gesprächsprotokolle, E-Mails und Karten aus den Jahren 1999 bis 2010. Wie der im Golfemirat Katar beheimatete TV-Sender in den Besitz dieser Dokumente gelangte, wurde nicht erklärt. Einige Namen und Telefonnummern habe man aus den Dokumenten, die bis zum kommenden Mittwoch nach und nach ins Netz gestellt werden sollen, herausgestrichen.

Die Dokumente besitzen Sprengkraft: Der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat sagte der Zeitung "Al-Ayyam" am Montag, es handele sich bei den Berichten um "Lügen und Halbwahrheiten". Arabische Kommentare hatten sich entsetzt über die "Flexibilität" der palästinensischen Verhandlungsführer geäußert: "Wer hat Sie oder die Palästinenser-Führung autorisiert, die heiligen Stätten des Islams aufzugeben?", fragte Erekat ein Redakteur der in London erscheinenden Zeitung "Al-Kuds al-Arabi".

Israel hat die Berichte indirekt bestätigt - gibt die Schuld am Scheitern des Friedens aber den Palästinensern: Nach Angaben eines Beraters des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud
Olmert haben Palästinenser und Israelis vor gut zwei Jahren fast einen Friedensvertrag unterzeichnet. Jaakov Galanti sagte dem israelischen Armeesender am Montag, beide Seiten hätten sich damals in allen Kernfragen des Konflikts geeinigt.

Die Einigung habe eine Teilung Jerusalems, die Rückkehr 5000 palästinensischer Flüchtlinge nach Israel sowie einen Gebietsaustausch umfasst. Insgesamt hätten die Verhandlungen unter Olmert kurz vor einem erfolgreichen Abschluss gestanden. „Ich verstehe bis heute nicht, warum die Palästinenser letztlich nicht unterzeichnet haben“, sagte Galanti.

Zu den Geheimdokumenten sagte Galanti, sie enthielten „Ungenauigkeiten“. „Ich kenne zum Beispiel keine Anweisung Olmerts, die Palästinenser über den Beginn der Offensive „Gegossenes Blei“ (Gaza-Krieg) zu informieren“, sagte der ehemalige Medienberater. Galanti empfahl, die Einigung unter Olmert als Basis für weitere Friedensverhandlungen zu verwenden. „Es wird keine andere Lösung geben, und wer dies glaubt, der irrt“, sagt er dem israelischen Armeesender.

Paradoxerweise könnten die Geheimberichte über den fast geschlossenen Frieden nun eine Lösung erschweren. Denn sollten sie echt sein, könnte die palästinensische Führung nun versucht sein, Stärke zu zeigen, um sich in der arabischen Welt nicht noch unbeliebter machen: Im Oktober 2009 soll der palästinensische Unterhändler Saeb Erekat Israel eine geografische Teilung der Altstadt Jerusalems vorgeschlagen haben, bei der Israel die Kontrolle über das jüdische Viertel und einen Teil des armenischen Viertels erhalten sollte. Im Januars 2010 soll Erekat einem US-Diplomaten dann gesagt haben, dass man sich auf eine symbolische Zahl für die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge einigen könnte sowie auf einen entmilitarisierten Palästinenserstaat.

Die Palästinenser-Regierung hat eine Teilung Jerusalems bislang stets abgelehnt, weil sie ganz Ost-Jerusalem als künftige Hauptstadt einrichten will. Deswegen könnten die Berichte nun veröffentlicht worden sein, um sowohl die Palästinenserführung als auch die Israelis zu diskreditieren - und damit den Frieden zu torpedieren. Der Streit um Jerusalem, dessen Ostteil Israel 1967 eroberte und später annektierte, ist eines der Kernprobleme des Konflikts in der Region. Erst kürzlich hatte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erklärt, es gebe keine Diskussion über Jerusalem. "Jerusalem gehört uns", bekräftigte er.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Nahostkonflikt: Geheimdokumente belasten Israel"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%