Nahostkonflikt
Hisbollah: Glaube, Geld und Gewalt

Die schiitische Hisbollah wird im Libanon immer stärker. Legt sie bei den Wahlen nächste Woche erneut zu, wird sie zu einem Machtfaktor im Nahen Osten, der sogar die Friedenspläne von US-Präsident Barack Obama stoppen könnte - ein Besuch in ihrem Reich.

BINT JBEIL. Der Wind treibt leere Plastiktüten an den nüchternen Mahnmalen der Toten vorüber. Im blassgrünen Gras neben der Fahrbahn liegen verrostete Panzerwracks. "Nicht so nah ans Fenster!"

Ein schlanker Mann mit grau gesprenkeltem Haar und gestutztem Vollbart steht in einer sicheren Ecke seines Büros, er tritt nervös von einem Bein aufs andere. "Nun passen Sie doch auf, dass Sie im toten Winkel bleiben!" Die Männer von der Hisbollah schätzen es gar nicht, wenn Fremde in ihrem Reich fotografieren. Afif Bazzi lässt es trotzdem zu. Er ist stolz. Er ist hier der Bürgermeister, der Wiederaufbau seiner von israelischen Raketen geschundenen Stadt kommt gut voran, die Welt soll das ruhig wissen. Also darf man wenigstens aus dem Rathaus heraus ein paar Bilder machen.

Bint Jbeil, ein Städtchen mit 20 000 Einwohnern, umgeben von kargem, dünn besiedeltem Land, nur drei Kilometer weiter beginnt Israel. Am Ortseingang hängt ein blaues Blechschild: "Hauptstadt des befreiten Südens". 34 Tage lang tobte im Sommer 2006 der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Als der Waffenstillstand in Kraft trat, war Bint Jbeil zur Hälfte zerstört.

Bürgermeister Bazzi lässt sich im Stuhl hinter seinem Schreibtisch nieder und lächelt selbstgewiss. Das Emirat Katar zahlt die Aufbauarbeiten, es ist nicht außergewöhnlich, dass Staaten des Nahen Ostens kriegsverwüstete Orte im Libanon unterstützen. Es ist eine Art von Widerstand. Was israelische Bomben zerstören, wird einfach wieder aufgebaut, manchmal noch größer und schöner als vorher.

Und die Hisbollah, das ist Bürgermeister Bazzi wichtig, zahle jedem, der sein Haus verloren habe: Geld für die Miete, für neue Möbel. Und was tue Libanons Regierung? Afif Bazzi winkt müde ab: "Den Politikern in Beirut sind wir egal." Vor Jahren baute der Staat ein großes Krankenhaus am Stadtrand, ließ es dann aber leerstehen. Also gehen die Menschen hier im Südlibanon weiter in die Kliniken der Hisbollah.

"Vergessen Sie eines nicht", der Bürgermeister hebt den Zeigefinger, "die Hisbollah ist Teil dieser Bevölkerung." So zerfällt das kleine, nur vier Millionen Einwohner zählende Land in die, die sich des Widerstands gegen Israel rühmen, vor allem die Kämpfer und Anhänger der schiitischen Hisbollah-Miliz. Und in Libanesen, die der Hisbollah nicht trauen, weil deren Kader einen - auch militärisch mächtigen - Staat im Staat errichtet haben.

Den Süden des Landes, die mehrheitlich schiitisch besiedelten Gebiete in der Bekaa-Ebene im Osten und die südlichen Vororte von Beirut lenkt die Hisbollah, nicht der Staat. Sie regelt den Verkehr, sie erledigt die Müllabfuhr, sie zahlt Sozialhilfe. Sie betreibt Schulen, Krankenhäuser, Sportvereine, Kulturzentren, Pflegeheime, die allen Anwohnern offenstehen. Zum Teil kostenlos. Welcher Religion die Menschen angehören, welche Partei sie wählen, das spielt erst einmal keine Rolle. Auch nicht für die Frage, wem die Hisbollah einen Mikrokredit für eine Betriebsgründung gewährt.

Demnächst könnte die Hisbollah, die "Partei Gottes", Libanons Regierung anführen. Am 7. Juni sind Parlamentswahlen, bei denen das Parteienbündnis der Hisbollah gegen die amtierende prowestliche Koalition von Ministerpräsident Fuad Siniora antritt. Der Libanon steht vor einer Richtungsentscheidung - mit möglicherweise weltpolitischen Folgen. Steigt der Einfluss der Hisbollah, würde einer der instabilsten Staaten des Nahen Ostens statt von einer amerikafreundlichen Regierung von einer Allianz dominiert, die Syrien und Iran unterstützen. Die Gefahr eines neuen Kriegs mit Israel stiege, die Chancen auf Frieden in Nahost würden sinken. Und das ausgerechnet in der gleichen Woche, in der sich US-Präsident Barack Obama mit einer großen Rede in Kairo an die Muslime wenden will.

Vor dem Rathaus von Bint Jbeil erstreckt sich der Ortskern wie eine Baustelle ohne Ränder. Auf Motorrädern rauschen ständig junge Männer vorbei; das Knarzen der Funkgeräte an ihrem Lenker erfüllt die Luft. Die Hisbollah behält die Straßen im Blick: Ausländer müssen aufpassen, sonst endet der Ausflug rasch mit einem fünfstündigen Verhör im Büro der Partei.

In einem gerade fertiggestellten Haus am Stadtrand fegt eine junge Frau Betonstaub von ihrem Balkon. Umm Ali nennt sie sich, Mutter von Ali. Sie ist stolz auf ihren Hausrat, die dunkelblauen Plüschsofas, der Fernseher, die Beistelltischchen. "Hübsch, nicht wahr? Und alles hat die Hisbollah bezahlt." Umm Ali, 39 Jahre alt, ist eine praktische, zupackende Frau. Unter ihrem lose gebundenen Kopftuch sind auf der Stirn ein paar dunkle Haarsträhnen herausgerutscht. Ali, ihr fünfjähriger Sohn, liegt auf dem Boden und schiebt Modellautos über den Teppich. Die Mutter sagt: "Die Hisbollah ist in unserem Herzen und unserem Blut. Das kann niemand ändern."

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