Nahostkonflikt
Verblasster Mythos

Israel hat sich mit seinem Kriegsziel im Libanon verrannt. Eine Vernichtung der Hisbollah scheint aussichtslos, jeglicher Kompromiss wird von den islamischen Nachbarn als Schwäche des jüdischen Staats ausgelegt. Die Selbstzweifel im Land nehmen zu. Dabei geht es vor allem um die Angst, den Nimbus der Unbesiegbarkeit zu verlieren.

TEL AVIV. Der verheerende Luftangriff auf das Dorf Kana hat die israelischen Gegner des Kriegs im Libanon wachgerüttelt. Spontan kam es gestern in den größeren Städten zu Demonstrationen gegen den Krieg. Israel war am Wochenende unter starken internationalen Druck geraten, nachdem bei einem Angriff auf das libanesische Dorf Kana mindestens 54 Zivilisten getötet worden waren.

Doch insgesamt hält sich der Protest in Israel in Grenzen. An den Demonstrationen beteiligen sich höchstens ein paar hundert Bürger. Wer den Krieg kritisiert, gilt in Israel schnell als Landesverräter.

Ein allgemeines Unbehagen macht sich dennoch breit. Es ist die Angst der Israelis, ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit zu verlieren. Das, was sie derzeit erleben, ist für viele eine völlig neue Erfahrung: Dass nämlich eine kleine Guerillatruppe ihrer modern ausgerüsteten Armee nicht nur Widerstand leisten, sondern auch schmerzliche Verluste zufügen kann. Die Hisbollahmilizen haben israelische Elitesoldaten in verlustreiche Kämpfe verwickelt, bei denen bisher 33 Soldaten getötet wurden. Die Hisbollah verfügt über Panzerabwehrraketen und Minen, zudem seien ihre Kämpfer gut ausgebildet, starke Kämpfer, sagen Soldaten anerkennend, die nach einem Einsatz heimkehren.

„Die wichtigsten Ziele sind noch nicht erreicht, obwohl die israelische Armee seit bald drei Wochen gegen die Hisbollah kämpft“, sagt der Militärspezialist der Tageszeitung „Haaretz“, Zeev Schiff. Für die meisten Israelis ist das ein Schock. In Jerusalem war man ursprünglich davon ausgegangen, die Hisbollah in zwei Wochen besiegen und deren Waffenlager zerstören zu können.

Die verbreitete Unsicherheit spürt man auch in der scharfen Rhetorik von Politikern – nur ein paar Stunden nachdem die US-Außenministerin einen Waffenstillstand in Aussicht gestellt hatte. „Wenn der Krieg heute endete, wäre es ein Sieg für die Hisbollah und für den internationalen Terrorismus“, sagte Justizminister Haim Ramon gestern in einer hitzigen Parlamentsdebatte: „Deswegen steht dieser Krieg nicht vor einem Ende, nicht heute und nicht morgen.“

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