Nationalratswahlen in Österreich
Abenteuerliche Beziehungen

Weil Herausforderer Alfred Gusenbauer unter dem Fluch der Karibik ächzt, darf Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am Wochenende von einem neuerlichen Wahlsieg träumen.

EISENSTADT. Türkentor nennt sich der Bogen, der unter einem jener schmucklosen, flachen Häuser entlangführt, die die Straßen der Dörfer am Neusiedler See säumen. Hier, östlich von Wien, haben die Eroberer aus dem Balkan einst geplündert und gebrandschatzt, bevor ihr Feldzug vor Wien zum Erliegen kam. Hier setzt der österreichische Kanzler Wolfgang Schüssel fünf Tage vor den Nationalratswahlen zum Endspurt an. Und dies nicht so sehr wegen des geschichtsträchtigen Orts, sondern vielmehr, weil einer der wichtigeren Funktionäre in seiner Volkspartei im ansonsten roten Burgenland aufgewachsen ist. So kommen Termine zu Stande – besonders in Österreich.

Sechseinhalb Jahre nachdem Schüssel unter dem Protest der europäischen Nachbarn mit einem rechten Haufen, der sich Freiheitliche Partei nannte und auf Jörg Haider hörte, die Regierung übernahm, hat das Land zwar einen Sprung nach vorn gemacht, sein ureigenstes Problem aber noch nicht im Griff: Hier klüngelt jeder mit jedem, hier verwischen die Trennlinien zwischen links und rechts, zwischen Wirtschaft und Politik.

Bei der nationalen Fluglinie hat noch immer die Politik das Sagen, und beim Energieversorger OMV kassiert der Bund über Förderzins und Dividenden gleich doppelt ab. Selbst Haider, bei dessen nationalen Sprüchen sich die Europäer einst die Ohren zuhielten, hat sich inzwischen rechts überholen lassen. Seine Partei ist in zwei Lager zerfallen. Haiders neue Truppe gilt als gemäßigter – und chancenlos bei der Wahl.

Schüssel, der politische Fuchs mit dem spitzen Kinn, der in seinem Leben die Koalitionen schon fast so oft wechselte wie andere die U-Bahn, braucht zum Regieren wahrscheinlich wieder einen neuen Partner.

Deshalb bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als jetzt den „Power-Kanzler“ zu geben, wie es auf schlanken (Werbe-)Dosen heißt, die sein Konterfei tragen und – wie sollte es im Red-Bull-Land Österreich anders sein – eine flüssige Energie-Mischung enthalten. „Lieber noch fünf Tage Stress als vier Jahre Frust“, ruft er und lässt sich von den Mädchen im blauweiß gepunkteten Dirndl der Volkstanzgruppe Purbach einen Blumenstrauß schenken. Ein Hofrat überreicht dem Kanzler einen Korb mit Rotweinen aus der Region, „denn beim Wein haben wir gegen Rot nichts einzuwenden“, lacht er. Schüssel schmettert, das Glas Blauburgunder in der einen, das Mikrofon in der anderen Hand, ein Geburtstagsständchen für die älteste Purbacherin. Tränen fließen. Blasmusik erschallt.

Seite 1:

Abenteuerliche Beziehungen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%