Nato-Schutztruppen in Alarmbereitschaft
Kosovo-Regierungschef zurückgetreten

Nach dem Rücktritt des Kosovo-Regierungschefs Ramush Haradinaj wegen einer Anklage des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag wächst die Angst vor Unruhen der albanischen Bevölkerungsmehrheit.

HB PRISTINA. Der Regierungschef der südserbischen Unruheprovinz Kosovo, Ramush Haradinaj, ist zurücktreten. Er habe die Anklage des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag erhalten, begründete Haradinaj seien Schritt am Dienstag vor Journalisten in Pristina. Er werde bereits an diesem Mittwoch nach Den Haag reisen, kündigte der 36-Jährige an. Das UN-Tribunal wirft Haradinaj Kriegsverbrechen während des Bürgerkrieges im Kosovo in den Jahren 1998/99 vor.

„Ich bin unschuldig und werde nur eine kleine Auszeit nehmen“, sagte Haradinaj weiter. Die Anklageschrift sei „ein politischer Handel“. „Dies ist nicht das Ende des Kampfes für die Unabhängigkeit Kosovos.“ Neuer Regierungschef werde sein bisheriger Stellvertreter Bajram Kosumi. Haradinaj rief seine Anhänger zugleich auf, Ruhe zu bewahren. Die Führung in Belgrad wirft Haradinaj vor, während des Bürgerkrieges mehr als 40 Menschen ermordet zu haben. Zudem sei er einer der Kommandanten der illegalen albanischen Freischärlergruppe UCK gewesen.

Die Nato und die Europäische Union (EU) begrüßten die Entscheidung Haradinajs als Zeichen, dass er mit dem UN-Tribunal zusammenarbeiten wolle. Der EU-Außenpolitiker Javier Solana rief die Albaner im Kosovo ebenfalls zur Zurückhaltung auf. „Kosovo muss sich weiter auf die EU zubewegen“, verlangte er. Auch das offizielle Belgrad äußerte sich positiv zu Haradinajs Bereitschaft, sich der UN-Justiz zu stellen.

Der Chef der UN-Kosovo-Verwaltung (UNMIK), Soeren Jessen-Petersen, appellierte ebenfalls an die Kosovo-Albaner, Ruhe zu bewahren. „Ich verstehe den Schock und die Wut“, sagte Jessen-Petersen in Pristina. Gewaltsame Ausschreitungen „werden Kosovo nicht helfen und sind ein großer Schritt rückwärts“. Haradinaj habe seine persönlichen Interessen den Interessen Kosovos untergeordnet. „Sein Abgang wird eine riesige Lücke hinterlassen.“

Die UNMIK-Vertreter und die Nato-geführten Schutztruppen in der Region wurden in Alarmbereitschaft versetzt. In der Nacht zuvor waren 500 zusätzliche britische Soldaten ins Kosovo verlegt worden, um befürchtete Unruhen unter Kontrolle zu halten. Nachdem Anfang der Woche bereits weitere 600 Bundeswehrsoldaten in die Region gekommen waren, sind jetzt dort 19 000 ausländische Soldaten stationiert.

In der Nähe des Geburtsortes von Haradinaj im westlichen Grenzgebiet zu Albanien startete die UNMIK am Dienstag eine groß angelegte Suche nach möglichen weiteren albanischen Kriegsverbrechern. Angeblich soll es sich um wenigstens einen Mann handeln, der ebenfalls in einer geheim gehaltenen Anklage vom UN-Tribunal gesucht wird. Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt.

Zuletzt war es vor einem Jahr zu schweren albanischen Ausschreitungen gegen die serbische Minderheit gekommen. Dabei waren 19 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden. Hunderte serbischer Häuser und historische orthodoxe Kirchen und Klöster waren von Albanern demoliert worden. Rund 4 000 Serben hatten flüchten müssen.

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