Neue Gaspipeline
Vor Nabucco liegt noch ein weiter Weg

Um sich unabhängiger vom russischen Gas zu machen, suchen die Staaten der EU nach alternativen Versorgungsmöglichkeiten. Eine ist die geplante Gaspipeline Nabucco, die von der Osttürkei bis nach Österreich führen soll. Fünf EU-Staaten und die Türkei haben einen entsprechenden Vertrag unterzeichnet.

BRÜSSEL/ATHEN. Für den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan war es „ein historischer Moment, der Beginn einer neuen Ära“ – große Worte bei der feierlichen Unterzeichnung des Regierungsabkommens über die Nabucco-Pipeline in Ankara. Mit der Vereinbarung, die neben Erdogan auch die Regierungschefs Bulgariens, Rumäniens, Ungarns und Österreichs unterzeichneten, macht das seit sieben Jahre diskutierte Projekt einen wichtigen Schritt nach vorn. Der Weg bis zu seiner Umsetzung ist aber noch lang und voller Hürden.

Die Pipeline soll Erdgas von der Osttürkei über den Balkan nach Österreich bringen, wo es ins europäi-sche Versorgungsnetz eingespeist wird. Offen ist aber die Frage, woher das Gas für Nabucco kommen soll – bisher gibt es allenfalls Absichtserklärungen, aber keine Lieferverträge. Auch die Transitgebühren durch die Türkei müssen noch ausgehandelt werden. In Brüssel gibt es deshalb weiter Zweifel an der Tragfähigkeit des Vorhabens. Ein hochrangiger EU-Diplomat, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte dem „Handelsblatt“, das Projekt sei „noch nicht abgeschlossen“. Die Türkei trete ähnlich fordernd auf wie Russland und versuche, der EU Be-dingungen für den Transit zu stellen.

Zuversichtlich zeigte sich dagegen EU-Kommissionspräsident José Ma-nuel Barroso, der nach Ankara ge-kommen war. Er unterstrich die Bedeutung der Pipeline für die Energiesicherheit der Türkei, Südost- und Zentraleuropas. Nabucco werde „ein neues, enges Band zwischen Europa, der Türkei, dem Kaspischen Raum und Zentralasien knüpfen“. Genau deswegen bekommt das Vorhaben aber starken Gegenwind aus Russland. Moskau will Nabucco mit ei-nem eigenen Projekt konterkarieren: die Pipeline South Stream soll Erdgas von Russland unter dem Schwarzen Meer nach Bulgarien und von dort nach Westeuropa bringen. Für South Stream, ein Joint Venture des Staatsmonopolisten Gazprom mit dem italienischen Energieversorger Eni, versucht der Kreml-Konzern ebenfalls die Gasreserven am kaspischen Meer anzuzapfen – und so Nabucco den Gashahn abzudrehen.

Türkei als Nahtstelle zwischen Gasproduzenten und Verbrauchern

Mit der Unterzeichnung des Regierungsabkommens werde es leichter, Lieferanten zu gewinnen, heißt es beim Nabucco-Konsortium. Die Vereinbarung gilt auch als wichtige Voraussetzung für die Finanzierung des auf knapp acht Mrd. Euro veranschlagten Projekts. Die Europäische Investitionsbank will Kredite über 25 Prozent der Baukosten bereitstellen. Die EU hat einen Zuschuss von 200 Mio. Euro aus ihrem Konjunkturprogramm in Aussicht gestellt, will aber bisher keine weiteren Mittel für das Projekt locker machen, das als kommerzielles Vorhaben von dem Konsortium finanziert werden müsse, wie ein Sprecher von Energiekommissar Andris Pielbags sagte – trotz der politisch-strategischen Bedeutung der Pipeline.

Die hob auch der türkische Premier Erdogan noch einmal hervor. Er sieht in Nabucco ein Fundament für die weitere Entwicklung der Beziehungen seines Landes zur EU: die Türkei, in deren Nachbarschaft zwei Drittel der globalen Gasreserven lägen, sei eine wichtige Nahtstelle zwischen Gasproduzenten und Verbrauchern. Projekte wie Nabucco unterstrichen „die regionale und globale Bedeutung der Türkei“, sagte Erdogan. Dabei betätigte sich die Türkei in der Vergangenheit eher als Bremser. Erst blockierte Ankara wegen des Streits mit Frankreich um die Armenier-Verfolgungen die geplante Aufnahme von Gaz de France in das Konsortium; stattdessen kam RWE an Bord.

Dann drohte Erdogan, seine Regierung werde Nabucco „überdenken“, wenn es bei den EU-Beitrittsverhandlungen nicht schneller vorangehe. Auch die Forderung der Türkei, 15 Prozent des Nabucco-Gases zu Vorzugspreisen für den Eigenbedarf und Weitervermarktung abzuzapfen, führte zu Verzögerun-gen. Die anderen Konsortialpartner sahen dadurch die Wirtschaftlichkeit der Pipeline gefährdet. Das scheint nun vom Tisch. Stattdessen sollen die Transitländer bei Bedarf An-spruch auf zusammen 50 Prozent des durch die Pipeline transportierten Gases haben. Außerdem wird die Leitung technisch so ausgelegt, dass sie auch Gas von Westen nach Osten transportieren kann. Damit könnte die Türkei im Krisenfall Erdgas aus dem europäischen Netz beziehen.

Seite 1:

Vor Nabucco liegt noch ein weiter Weg

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%