Neue Hoffnungsschimmer
Europas Marathon-Mann

Nach der Abfuhr im Atomstreit mit Iran sucht EU-Chefdiplomat Javier Solana neue Hoffnungsschimmer im Nahen Osten. Es geht dabei auch um seine eigene Zukunft.

TEL AVIV. Der Mann im grauen Wollpullover wirkt erschöpft. Mit gesenktem Kopf und gebeugtem Kreuz begrüßt er seine engsten Mitarbeiter, die im Morgengrauen auf dem Madrider Flughafen Torrejon auf ihn warten. Der Händedruck ist weich und schwach, die Anrede kaum zu verstehen. Ein kurzatmiges „Hola“, ein genuscheltes „How are you?“, und schon ist er an Bord der kleinen Embraer-Maschine verschwunden, die die belgische Luftwaffe an diesem Morgen für einen Sonderflug nach Tel Aviv bereitgestellt hat.

Javier Solana steckt wohl noch der Stress der letzten Wochen in den Knochen. „Bis an den Rand der physischen Erschöpfung“, so ein deutscher Diplomat, hatte der Spanier mit dem iranischen Chefunterhändler Ali Laridschani über das umstrittene Teheraner Atomprogramm verhandelt. Am Ende hatte der Chefdiplomat und designierte Außenminister der Europäischen Union einsehen müssen, dass es eine vergebliche Mühe war. Die zähen Verhandlungen und ihr unrühmliches Ende hätten den 64-Jährigen viel Kraft gekostet, glaubt der deutsche Experte.

Doch als das Flugzeug auf dem Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landet, ist Solana wie verwandelt. Eilig springt er aus der Maschine, locker schwingt er sich in den schwarzen Mercedes der S-Klasse, der auf dem Rollfeld wartet. Ausgerechnet den israelischen Hardliner Avigdor Lieberman hat sich Solana für seinen ersten Termin in Israel ausgesucht. Lieberman hat mit aggressiven Sprüchen gegen Araber und Iraner weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Dass ihn Premier Ehud Olmert zum Minister für strategische Fragen ernannte, wurde in vielen Hauptstädten als Zeichen für eine mögliche Radikalisierung der israelischen Politik gedeutet.

Solana müsste Lieberman nicht sehen. Eigentlich spricht sogar alles gegen dieses Treffen. Es könnte als Aufwertung für den bisher isolierten Rechtspopulisten verstanden werden. Es könnte auch Solanas Image in der arabischen Welt schaden und den Eindruck erwecken, die EU setze nun auch auf Konfrontation. Doch der Hohe Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik – so Solanas offizieller Titel – sieht das anders. „Ich muss mit allen reden, auch wenn ich völlig konträrer Meinung bin“, gibt er nach dem Gespräch zu Protokoll. Er habe Lieberman nicht nur gesagt, dass er dessen Politik entschieden ablehne – sondern auch, dass sie mit der Regierungslinie von Premier Olmert unvereinbar sei.

„Olmert und Lieberman streiten über die iranische Atomgefahr“, titelt am nächsten Tag die konservative „Jerusalem Post“. Solana hat sein Ziel erreicht, die Positionen zu klären und Widersprüche herauszuarbeiten. Aus Sicht der „Post“ hat er sogar einen Keil zwischen beide Politiker getrieben. Doch das ist nicht das eigentliche Ziel seiner sechstägigen Nahostreise. Dem EU-Chefdiplomaten geht es um mehr, viel mehr: Er möchte die Chancen für eine Friedenslösung zwischen Israelis und Palästinensern ausloten – und zugleich den europäischen Einfluss in der Region ausbauen. Solana will es noch einmal wissen und zeigen, zu was die oft belächelte „Soft Power“ der EU fähig ist.

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