Neue Spionage-Enthüllungen Lauschmaschine USA

Der US-Geheimdienst spioniert die Kommunikationsdaten von Millionen Deutschen aus – möglicherweise bis hinauf zur Kanzlerin. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat sich eingeschaltet, eine Welle von Strafanzeigen droht.
Update: 30.06.2013 - 21:42 Uhr 92 Kommentare
Ukrainische Aktivisten bei einer Demonstration für Whistleblower Snowden und gegen die Spionage-Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes vor der US-Botschaft in Kiew. Quelle: Reuters

Ukrainische Aktivisten bei einer Demonstration für Whistleblower Snowden und gegen die Spionage-Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes vor der US-Botschaft in Kiew.

(Foto: Reuters)

Berlin/QuitoDie Überwachung Deutschlands durch den US-Geheimdienst NSA ist offenbar viel umfangreicher als bislang angenommen. Geheime Dokumente der NSA offenbaren nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“, dass die NSA systematisch einen Großteil der Telefon- und Internetverbindungsdaten kontrolliert und speichert. Monatlich würden in der Bundesrepublik rund eine halbe Milliarde Kommunikationsverbindungen - Telefonate, Mails, SMS oder Chats - überwacht. Die dem Magazin vorliegenden Unterlagen bestätigten, „dass die US-Geheimdienste mit Billigung des Weißen Hauses gezielt auch die Bundesregierung ausforschen, wohl bis hinauf zur Kanzlerin“, schreibt „Der Spiegel“.

Die NSA sei in Deutschland so aktiv wie in keinem anderen Land der Europäischen Union, schreibt der „Spiegel“. Aber auch die EU werde gezielt ausgespäht - so habe der US-Geheimdienst die diplomatische Vertretung der EU in Washington sowie bei den Vereinten Nationen in New York mit Wanzen versehen und das interne Computernetzwerk infiltriert. Somit hätten die Amerikaner Besprechungen abhören und Dokumente sowie Mails auf den Computern lesen können. Dies werde aus einem Papier der NSA vom September 2010 deutlich, berichtet der „Spiegel“ unter Berufung auf geheime Dokumenten, die der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden mitgenommen habe. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe prüft nach eigenen Angaben, ob sie für mögliche Ermittlungen zuständig ist. Nach Informationen des „Spiegel“ prüft die Behörde, ob die systematische Überwachung von Bundesbürgern als staatsschutzrelevantes Delikt einzustufen ist.

Strafanzeigen seien aber absehbar. Laut „Spiegel“ ist bereits in der vergangenen Woche bei der Staatsanwaltschaft Gießen eine Anzeige gegen unbekannt erstattet worden.

CSU-Politiker spricht von „Stasi-Methoden“

Aus der Bundesrepublik fließt dem Bericht zufolge einer der größten Ströme der Welt in den „gigantischen Datensee“ des US-Geheimdienstes. Die Statistik, die der „Spiegel“ eingesehen hat, weise für normale Tage bis zu 20 Millionen Telefonverbindungen und um die zehn Millionen Internetdatensätze aus. An Heiligabend 2012 hätten die Amerikaner rund 13 Millionen Telefonverbindungen und halb so viele Daten von Internetverbindungen überprüft und gespeichert. An Spitzentagen wie dem 7. Januar 2013 habe der Geheimdienst bei rund 60 Millionen Telefonverbindungen spioniert. Zum Vergleich: Für Frankreich hätten die Amerikaner im gleichen Zeitraum täglich im Durchschnitt gut zwei Millionen Verbindungsdaten verzeichnet.

Aus einer vertraulichen Klassifizierung gehe hervor, dass die NSA die Bundesrepublik zwar als Partner, zugleich aber auch als Angriffsziel betrachte. Demnach gehöre Deutschland zu den „Partnern dritter Klasse“. Ausdrücklich ausgenommen von Spionageattacken seien nur Kanada, Australien, Großbritannien und Neuseeland, die als zweite Kategorie geführt würden. „Wir können die Signale der meisten ausländischen Partner dritter Klasse angreifen - und tun dies auch“, brüste sich die NSA in einer Präsentation.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger reagierte bestürzt: „Wenn die Medienberichte zutreffen, erinnert das an das Vorgehen unter Feinden während des Kalten Krieges“, sagte die FDP-Politikerin am Sonntag in Berlin. „Es sprengt jede Vorstellung, dass unsere Freunde in den USA die Europäer als Feinde ansehen.“ SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann kritisierte, die Überwachungstätigkeit der USA sei offenbar völlig außer Kontrolle geraten: „Der Staat darf nicht alles machen, was technisch möglich ist. Genau dies scheinen die USA aber zu tun - ohne Rücksicht auf Freund oder Feind.“ Der Chef der CSU-Abgeordneten im Europa-Parlament, Markus Ferber, warf den USA in der „Welt“ vor, mit Stasi-Methoden zu arbeiten.

Frankfurt spielt offenbar zentrale Rolle
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92 Kommentare zu "Neue Spionage-Enthüllungen: Lauschmaschine USA"

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  • kah7, Ihrem Beitrag kann ich nur zustimmen.
    Genau diese Feindstaatenklausel und die damit einhergehend nach wie in Kraft bleibenden SHEAF-Gesetze erlauben es uns auch nicht Atomwaffen zu besitzen oder jemals einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat zu bekommen!
    Aber das hat schon Schwesterwelle nicht verstanden!

  • G.N.

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

    Warum haben Sie den Beitrag gelöscht?
    Er war überaus sachlich.
    Sitzen da einige Amis beleidigt mit bei Ihnen am Zensiertisch?

  • NSA_Fort_George_G_Meade_MD_207,
    wir erwarten nichts anderes, denn zu argumentieren, seine Waren zu kaufen, statt sie zu stehlen oder durch Kriege zu erbeuten oder eine Demokratie zulassen, war noch nie die Stärke der Unterdrückerstaaten wie USA und anderer unserer sogenannten Siegerfreunde, die nur unser Bestes wollen, unser Geld!

  • YesWeScan, halten Sie die Petition für eine gute Idee?

    Hier stehen doch nun wahrlich eine Unmenge an Leserbriefen, die klar machen, dass wir NICHT souverän sind.
    Was dachten Sie (oder glauben die Unterzeichner dieser Petition) passiert mit Snowden, sobald er ausgerechnet in Deutschland Asyl bekommt????
    Drei Mal darf jeder raten!

  • Die sind auch nur auf die Straße gegangen, weil die Sowjets sie gelassen haben. DDR und Sowjets waren damals so pleite, dass das System einfach nicht meh weiter ging. Also hat man die runtergewirtschaftete DDR schnell an den Westen abgegeben und konnte sich dann auf seine eigenen Probleme in Moskau konzentrieren.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Herr Snowden ist hoffentlich nicht so dumm, in ein Land zu gehen, das dermaßen abhängig von den USA ist, wie Deutschland oder die EU überhaupt. Wenn die den hier mit einer Sondereinheit, meinetwegen sogar mit Waffengewalt, heraus holen, dann tut hier niemand etwas dagegen. Die ganze Geschichte wird im Sande verlaufen, des lieben "Friedens" wegen, wird auf beiden Seiten -zu unseren Lasten- Schadensbegrenzung betrieben. Geschriebenes dazu wird "Volksverträglich" verfasst und alles ist wie es vorher war.
    Die Amis haben ihr Gesicht gewahrt -sofern sie Wert darauf legen und die Europäer klopfen sich auf die Schultern, wie toll sie wieder das Beste für uns erreicht haben. Wie nennt man das doch gleich? Politik?

  • Ich frage mich seit gestern,warum man überhaupt
    die restlichen Allierten fragen mußte,ob man
    sich wiedervereinigen darf..
    Die Russen haben das Feld geräumt,die Mauern
    geöffnet und damit wäre der alte Zustand von 1962
    wieder hergestellt gewesen.
    Waren das alles nur Floskeln wie,"Open this Gate"
    Muß wohl..
    Würde gerne Kohl dazu befragen.
    Oder überhaupt die Politik..Wieso gerieten wir danach
    in den Sog,alliierter Erpreßung,wo sie doch jahrzehnte
    von Unrecht sprachen.





  • Ich finde wir sollten Herrn Snowden in Deutschland Asyl gewähren. Wenn Steuer-CDs dem NRW Finanzminister Millionen wert sind, so wäre die von allen Institutionen genutzte Erkenntnis über die Datenspionage der USA diese Gegenleistung wert. In der Ausübung Unrecht mit Unrecht zu belohnen hat NRW ein großes Tor aufgemacht. Dies ist nur eine logische Konsequenz.

  • Wieso ohne Rücksicht auf Freund und Feind? Die Freunde werden eh nicht überwacht.

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