Neue Stärke
Brasilien – ein Riese erwacht

Brasilien hat sich in den letzten Jahren gewandelt wie kaum ein anderes Land. Der ewige Hoffnungsträger hat erstmals Chancen, sein großes Potenzial voll auszuschöpfen, und steht zu unrecht im Schatten von China und Indien.

SAO PAULO. Es gibt Dinge, die scheinen so selbstverständlich, dass sie im kollektiven Bewusstsein den Status eines Naturgesetzes angenommen haben. Dazu gehört auch folgendes Phänomen: Wankt irgendwo auf dem Globus eine Volkswirtschaft, dann reißt sie Brasilien mit. Das war bei der Argentinien-Krise 2001 so, bei der Asien- und Russland-Krise 1997, bei der Tequila-Krise 1995, ganz zu schweigen von der Krise der 80er-Jahre, wo eine Inflation von über 2000 Prozent der größten Volkswirtschaft Südamerikas die Luft zum Atmen abschnürte.

Das "Land der Zukunft", wie es der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig im Exil 1942 beschrieb, war bislang also eher ein Garant für Krisen. Und das ökonomische Muster der Abstürze war immer dasselbe: steigende Risikoaufschläge, zunehmende Verschuldung, galoppierende Inflation, drohende Zahlungsunfähigkeit. Mit dieser Vorgeschichte grenzt es nahezu an ein Wunder, dass sich der ewige Hoffnungsträger ausgerechnet in der jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise historischen Ausmaßes wacker schlägt. Mehr noch: Das riesige Land hat gute Chancen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Hat Brasilien also seine traditionellen Schwächen, die das Land mit dem großen Potenzial so krisenanfällig machte, überwunden? Zeigt das Land jetzt, dass es bislang zu Unrecht im Schatten der drei anderen großen BRIC-Schwellenländer Russland, Indien und China stand?

In einer dreiwöchigen Serie geht das Handelsblatt diesen Fragen nach. Es porträtiert Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, die für das neue Brasilien stehen. Ein Brasilien, das seinen ungeheuren Rohstoffreichtum endlich effizient nutzt, um auch andere Wirtschaftszweige aufzubauen. Ein Brasilien, dessen Unternehmen sich aufmachen, die Weltmärkte zu erobern, und dessen Regierung in der internationalen Politik wieder mitmischt. Und nicht zuletzt ein Brasilien, das endlich das Problem seiner horrenden Einkommensgegensätze anpackt und das Potenzial seines Binnenmarktes entdeckt.

Dieses neue Brasilien spiegelt sich bereits jetzt in den ökonomischen Daten wider. Trotz geschwächtem Wachstum infolge der Krise liegt die öffentliche Verschuldung bei nur 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - für das schuldengeplagte Land ein erstaunlich guter Wert. Die Notenbank hat 200 Mrd. Dollar an Währungsreserven angehäuft und mit einem Leitzinssatz von 10,25 Prozent im Gegensatz zu anderen Zentralbanken Spielraum, um die Krise abzufedern. Brasilien hat die Inflation im Griff, die traditionelle Schwäche des Landes. Und auch das Finanzsystem erweist sich als robust. Trotz der Marktturbulenzen ist noch keine brasi-lianische Bank ins Schlingern geraten. Als Preis für seine solide Politik erhielt das Land den Ritterschlag der Kreditwürdigkeit: den Investment-Grade durch die Ratingagentur Standard & Poor's.

Sicherlich ist diese für Brasilien einzigartige Stabilität auch dem Rohstoffboom vor Ausbruch der Krise zu verdanken. Die agroindustrielle Supermacht profitierte vom unstillbaren Hunger Chinas nach Eisenerz und Soja und verdoppelte in kurzer Zeit die Exporterlöse. Inzwischen hat Brasilien die USA nach 80 Jahren als größten Handelspartner Chinas abgelöst.

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