Neuer Präsident
Wahlen im Iran: Himmel, hilf!

Hitler-Vergleiche und Lügen-Barone: Heute können die Iraner ihren umstrittenen Präsidenten Mahmut Ahmadinedschad abwählen. So manches spricht dafür, dass sie es tatsächlich wagen.

TEHERAN. Die Frau auf der Bühne reckt den linken Arm in den Himmel und ballt die Faust. „Es muss Schluss sein mit der Diskriminierung der Frauen im Iran“, schreit Zahra Rahnavard ins Mikrofon. Der Satz schnellt durchs Stadion wie ein Peitschenschlag. Treffen soll er den politischen Gegner, Mahmud Ahmadinedschad. Zahra Rahnavard hat keine Angst vor dem Präsidenten, mehr noch: Sie ist wütend, sie nennt ihn einen Schuft, einen Lügner: „Er beleidigte nicht nur 34 Millionen Iranerinnen, sondern 70 Millionen Iraner, weil er log“, wettert sie.

Jeder ihrer etwa 10000 Anhänger im Heydarnia-Stadion weiß, worauf Rahnavard anspielt. Bei einer Fernsehdebatte hatte Ahmadinedschad der Politik-Professorin vorgeworfen, einst bei ihrem Uni-Diplom gemauschelt zu haben. Der Präsident zog ein Blatt Papier hervor, darauf ein Bild Rahnavards, und blaffte seinen Gegner Mir Hussein Mussawi an: „Kennen Sie diese Frau?“

Natürlich kennt Mussawi Zahra Rahnavard: Sie ist seine Ehefrau. Und sie ist Mussawis stärkste Verbündete im Wahlkampf gegen Ahmadinedschad. Auch dank ihrer Überzeugungskraft kann Mussawi, 67, hoffen, den Präsidenten zu besiegen. Heute findet die erste Runde der Präsidentenwahlen statt. Erhält einer der vier Kandidaten in diesem Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen, wird oder bleibt er Präsident. Andernfalls gibt es eine Stichwahl in einer Woche.

TV-Debatten, Großkundgebungen, persönliche Anfeindungen und Internetkampagnen: Der Iran erlebt einen Wahlkampf wie in Amerika. Und der Amtsinhaber wankt. Ahmadinedschad, der seit vier Jahren den Westen herausfordert, den Holocaust leugnet und nach der Atombombe strebt, ist in der Defensive. Nicht außenpolitische Muskelspiele wollen seine Landsleute sehen, sondern immer mehr sehnen sich nach etwas mehr Wohlstand und mehr persönlicher Freiheit – in dem Land, das der Ajatollah Khomeini ab 1979 per Revolution zu einem islamischen Gottesstaat machte.

Zahra Rahnavard reißt die Faust empor. Tosender Applaus bricht los im Heydarnia-Stadion. Die, die der Kandidaten-Gattin hier applaudieren, sind die, die die Wahl entscheiden: die jungen Iraner. Einige sind auf Metallgerüste geklettert, am Boden ist einfach kein Platz mehr. Viele schwenken grüne Fahnen, tragen grüne Kopftücher, grüne Gürtel, grüne Stirnbänder. Mussawi hat die Farbe des Propheten zur Farbe seiner Kampagne gemacht – ein cleverer Kniff. Ganz patriotisch hält Ahmadinedschad mit den Landesfarben Grün-Weiß-Rot dagegen.

Im Pulk der Mussawi-Fans steht Mojgan. „Wir wollen herumlaufen, wie es uns gefällt“, sagt die 25-Jährige. Die Studentin legt die islamische Kleiderordnung heute eher locker aus. Das rosafarbene Kopftuch hat sie provokant weit nach hinten über das brünette Haar geschoben, in dem blonde Strähnen leuchten. Anstelle des dunklen Umhangs schlabbert eine weiße Bluse über den grünen Jeans. Lidstrich und Rouge hat sie obendrein aufgelegt. „Wenn ich jeden Tag so aus dem Haus gehen würde, hätte ich die Sittenpolizei am Hals“, sagt sie – und lacht. Am liebsten würde sie in Amerika arbeiten: „Das ist ein modernes Land.

Mojgan wendet sich wieder zur Bühne, hin zu ihrer Heldin. Zahra Rahnavard ist ein Vorbild für viele junge Frauen im Iran: Als erste Frau schaffte sie es im Jahr 2006, Rektorin einer Universität zu werden – Ahmadinedschad und allen Sittenwächtern der Revolution zum Trotz.

Mojgan stimmt in die Sprechchöre ein: „Doktor, geh zum Doktor!“, skandieren Tausende Kehlen, ein Spott auf den promovierten Bau-Ingenieur Ahmadinedschad. „Ahmadi, Ahmadi, bye-bye“, singt Mojgan, als Rahnavard eine neue Attacke gegen den Regierungschef aus ihrem Mund schleudert.

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