Neuer Tiger Asiens
Ho Chi Minhs Erben ziehen in die WTO ein

Nach elfjährigen Verhandlungen hat die Welthandelsorganisation (WTO) jetzt grünes Licht für den Beitritt Vietnams gegeben. Die Entscheidung über die Aufnahme kommt für Hanoi zum richtigen Zeitpunkt: Das Land gilt als neuer Tiger Asiens.

DÜSSELDORF. Nach der Empfehlung der seit 1995 tagenden Arbeitsgruppe soll der Allgemeine Rat der WTO am 7. November die Aufnahme Vietnams absegnen. Danach muss Hanois Parlament den Beitritt ratifizieren. 30 Tage danach wird Vietnam zum 150. Mitglied der Organisation.

Die Entscheidung über die Aufnahme in die WTO kommt für Hanoi zum richtigen Zeitpunkt. Mitte November wird Vietnam als Gastgeber des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums Apec auftreten. Zum Gipfel der 21 Staaten haben sich auch US-Präsident George W. Bush und der russische Präsident Wladimir Putin angesagt. Die Apec bietet Vietnam eine ideale Bühne, um zu demonstrieren, welchen Wandel das Land durchläuft.

Vietnam gilt als neuer Tiger Asiens. Mit Wachstumsraten, die nur wenig hinter denen Chinas oder Indiens zurückstehen, und einer immer stärker auf Marktwirtschaft getrimmten Entwicklungsstrategie holt Vietnam in Südostasien mächtig auf. Auf 7,8 Prozent schätzt die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) das diesjährige Wachstum. Noch optimistischer ist Ministerpräsident Nguyen Tan Dung. Er rechnet mit 8,2 Prozent.

„Vietnam hat eine konsequente Liberalisierung der Wirtschaft betrieben“, sagt Oliver Massmann, Unternehmensberater in Hanoi. „Wir glauben, dass jetzt viele neue Investoren nach Vietnam kommen werden.“ Und die dürften auch aus dem Land des ehemaligen Kriegsgegners USA stammen. Die Börse hat den erwarteten Aufschwung schon vorweg genommen. Der vietnamesische Index legte in diesem Jahr um fast 80 Prozent zu. Aber noch arbeitet der Kapitalmarkt in Vietnam auf bescheidenem Niveau. Nur 52 Titel mit einem Marktwert von 3,2 Mrd. Dollar werden an der Börse gehandelt.

Seit 1990 betreibt Hanoi die Öffnungspolitik unter dem Titel „Doi Moi“. Mehr als zwanzig neue Gesetze, die Gleichstellung von in- und ausländischen Unternehmen, der Schutz von Markenrechten und ein neues Wettbewerbsrecht gehören dazu. Die Öffnung Vietnams dürfte vor allem Dienstleistungen und dem Einzelhandel neue Impulse verleihen. Aber auch für die verarbeitende Industrie und die Stahlwirtschaft sieht Massmann ein großes Potenzial. „In den kommenden zehn Jahren wird Vietnam eines der wichtigen Industrie- und Dienstleistungszentren in Asien werden“, sagt er. Für den Exportmarkt stellt Asean-Mitglied Vietnam hauptsächlich Textilien, Schuhe und Möbel her. Da die Kosten in Südchinas Perlflussdelta ständig steigen, orientieren sich etliche Textilproduzenten um und nehmen Vietnam als Standort ins Visier.

Der verschärfte Wettbewerb nach dem WTO-Beitritt dürfte jedoch nicht nur Expansion bedeuteten, sondern auch neue Konflikte heraufbeschwören. Die dürfte vor allem die unwirtschaftliche Landwirtschaft zu spüren bekommen. Aber auch Vietnams Bekleidungsindustrie erwartet nicht nur Vorteile durch steigende Exporte. Die EU hat schon jetzt einen Strafzoll von zehn Prozent auf Schuhe aus Vietnam erhoben. Und in den USA wachsen Sorgen über eine neue Textilschwemme aus Asien.

Um Vietnam als Investitionsstandort attraktiver zu machen, muss Hanoi noch etliche Anstrengungen unternehmen. Vor allem die grassierende Korruption belastet den Ruf des Landest. Ministerpräsident Dung weiß, vor welchen Aufgaben er steht: „Korruption und Verschwendung sind ein ernstes Problem“, sagte er vor kurzen im Parlament. Für den wirtschaftlichen Strukturwandel muss Hanoi viel in die marode Infrastruktur investieren. Dafür fehlen allerdings die Mittel im Budget. Auf der Agenda steht auch die Umwandlung der Staatsbetriebe und der Aufbau eines effizienten Bankensystems.

Nicht einfach wird für die Erben Ho Chi Minhs die ideologische Neuausrichtung. Wie im Nachbarland Chinas zieht in Hanoi die kommunistische Partei die politischen Fäden. An ihrer Macht lässt sie nicht rütteln. Vietnam werde an der „sozialistisch orientierten Marktwirtschaft“ nach dem WTO-Beitritt festhalten, sagt Dung. „Aber wir werden das Investitionsklima entscheidend verbessern."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%