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23.10.2007 
Britische Territorialforderungen

Neuer Wettkampf um den Südpol entbrannt

von Matthias Thibaut und Alexander Busch

Der Wettlauf, wer den Südpol als erster erreicht, ist seit knapp 100 Jahren entschieden. Der Streit, wer den Südpol letztlich für sich beanspruchen darf, geht derweil in eine neue, vielleicht entscheidende Runde.

Die Pole schrumpfen und deren Rohstoffvorkommen werden begehrter. Foto: dpaLupe

Die Pole schrumpfen und deren Rohstoffvorkommen werden begehrter. Foto: dpa

LONDON/SAO PAULO. Der Klimawandel löst eine neue weltweite Runde neokolonialistischer Gebietskämpfe aus. Russland pflanzte bereits eine Flagge auf dem Lomonosow-Grat vier Kilometer unter dem Nordpol. Kanada will Armeestützpunkte in der Arktis bauen, um die Nordwestpassage zu kontrollieren. Auch Norwegen, die USA und Dänemark warten gespannt, ob schmelzende Eiskappen neue Bodenschätze zugänglich machen.

Auf der anderen Seite des Globus haben nun die Briten den Wettlauf um Landbesitz eröffnet. Ausgehend von der 1982 im Krieg gegen Argentinien verteidigten Falkland Inselgruppe will Großbritannien bei der „Uno-Kommission über die Grenzen des Kontinentalschelfs“ (UNCLCS) eine weitere Million Quadratkilometer Antarktis-Gebiet reklamieren. Zwar sagte der Uno-Klimarat in seinem Bericht 2001 eine Zunahme der Eisdecke in der Antarktis voraus. Andere Experten glauben jedoch, der Klimawandel könnte auch am Südpol unzugängliche Gebiete wirtschaftlich attraktiv machen.

Reaktionen blieben nicht lange aus. Argentinien sieht die Falklands (oder Malvinas) trotz des verlorenen Krieges als eigenes Territorium an. Vor der Uno-Vollversammlung erklärte Präsident Néstor Kirchner: „Wir erheben kategorisch Einspruch gegen die Absicht Großbritanniens, von argentinischen Territorien aus neue Gebietsansprüche anzumelden.“ Laut Außenminister Jorge Taiana bereitet Argentinien seine eigene Eingabe bei der Uno-Kommission vor. „Dabei ist natürlich der argentinische Teil der Antarktis eingeschlossen sowie die Seeflächen um die Malvinas, Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln, die zum argentinischen Territorium gehören,“ sagt Taiana. Damit sind die argentinischen Ansprüche identisch mit denen Großbritanniens. Auch Chile erhebt Forderungen. Britische Ansprüche, so das Außenministerium in Santiago, „werden die Rechte unseres Landes über diesen Land- und Seeraum nicht beeinträchtigen.“

Die Briten erheben seit 1908 Gebietsansprüche in der Antarktis und haben 1962 das 1,7 Millionen Quadratkilometer große „British Antarctic Territory“ zum Hoheitsgebiet erklärt. Außerdem sollen ein Gebiet um die Himmelfahrtsinsel (Ascuncion) und in der Biskaya und im Nordatlantik westlich von Schottland gemeldet werden, wo Geologen massive Ölvorkommen vermuten.

Großbritannien hat die Bedeutung der Meldungen jedoch herabgespielt. Es gehe nicht um würdeloses Gerangel um Land, sondern einen „friedlichen, offenen und langfristigen Uno-Prozess“. Ziel sei, in Gebieten des Ozeans ein ordentliches Regulierungssystem einzurichten, wo es derzeit ein solches Regime nicht gebe. Artikel 76 der 1982 verabschiedeten Uno-Seerechtskonvention gibt Staaten Ansprüche auf Bodenschätze unter dem Meeresboden bis zu 200 Seemeilen (ca. 370 Kilometer) vor ihren Landesgrenzen. Ansprüche müssen bis 2009 gemeldet werden, deshalb wurden die Briten jetzt aktiv.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Scharfe Reaktionen von Umweltgruppen

Scharfe Reaktionen kamen von Umweltgruppen. Sechs Monate nachdem die frühere Außenministerin Margaret Beckett vor dem Uno-Sicherheitsrat über den Klimawandel gesprochen habe, wolle Großbritannien in einem der letzten unberührten Ökosysteme nach fossilen Brennstoffen bohren, behauptete der Direktor von Greenpeace UK, John Sauven. Das sei „völlig verantwortungslos“.

Das Außenministerium wies diese Darstellung zurück. Hoheitsrechte des Vereinigten Königreichs in den beanspruchten Gebieten würden helfen, „unkontrollierte Umweltschäden“ zu verhindern. „Wir sind absolut entschlossen, unsere Verpflichtungen im Rahmen des Antarktisvertrags aufrechtzuerhalten.“ Der Antarktisvertrag von 1959 verbietet die Ausbeutung von Bodenschätzen wie Öl, Gas und Mineralien aber nur bis 2047.

Anders ist die Situation um die Falkland-Inseln und Südgeorgien. Trotz zahlreicher Gerüchte ist bis heute nicht eindeutig, ob dort Öl- und Gasvorkommen zu finden sind. Aber Anfang Oktober erregte der britisch-australische Bergbaukonzern BHP Billiton Aufsehen, als er dem lokalen Lizenzträger Falkland Oil and Gas Limited 40 Prozent seiner Explorationslizenzen abkaufte.

Auch die hohen und ständig wertvolleren Fischvorkommen im Südatlantik seien der Grund für das Interesse Großbritanniens,

vermutet Jorge Castro, Präsident des Instituts für strategische Planungen in Buenos Aires. Raúl Alfonsín, Ex-Präsident Argentiniens warnte: „Die britische Regierung erhöht mit ihren einseitigen Anspruchshaltung das internationale Konfliktpotenzial.“

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