Neuerliche Kandidatur des Präsidenten unwahrscheinlich
Der Kampf um Chiracs Nachfolge ist schon entbrannt

Politisch liegt der französische Präsident Jacques Chirac, der offiziell nur eine „vorübergehende leichte Sehstörung“ hat, fast schon auf dem Totenbett. Der Kampf um seine Nachfolge ist, seit bekannt wurde, dass Chirac im Pariser Militärkrankenhaus Val-de-Grace behandelt wird, voll entbrannt.

HB PARIS. Eine neuerliche Kandidatur des 72-jährigen bei der Präsidentenwahl 2007, die Chirac auch weiter vor Nachstellungen der Justiz wegen einer illegalen Parteienfinanzierung in den 90er Jahren schützen würde, scheint nun praktisch ausgeschlossen.

Auf einer gnadenlosen Karikatur über die halbe Titelseite zeigt die Pariser Zeitung „Libération“ Chirac in den allerletzten Zügen im Krankenbett. An den Bettrahmen krallen sich zwei Geier, die sich gegenseitig bösartig beäugen: Premierminister Dominique Villepin und sein Innenminister Nicolas Sarkozy. Kaum weniger freundlich titelt das Boulevardblatt „France Soir“: „Sarko-Villepin: Der Krieg hat begonnen“.

Mit freundlichen Worten haben die beiden Vollblutpolitiker am Wochenende auf dem Jugendkongress der Regierungspartei UMP die Ellenbogen ausgefahren, um sich in die „Pole Position“ zu bringen. Während der unzähmbare Sarkozy dabei den kompromisslosen „Bruch“ mit 30 Jahren Chiracismus fordert, plädiert der alte Diplomat Villepin für den „Wandel in der Kontinuität“ der Neogaullisten.

Zum zweiten Male innerhalb weniger Tage konnte Villepin dabei Punkte sammeln. „Speedy Sarko“ hatte den Parteijugend-Kongress nutzen wollen, um mit gewagten Reformvorschlägen als UMP-Chef die Regierung vor sich her treiben und Chirac und dessen Vertrauten Villepin als unbewegliche Vertreter des Gestrigen darstellen zu können. Doch dann kam alles anders. Erst präsentierte Villepin am Donnerstag ein weit greifendes Programm zur Steuer- und Sozialreform und nahm damit seinem Erzrivalen den Wind aus den Segeln. Dann verhinderte Chiracs Aufnahme ins Krankenhaus Sarkozys Plan, den „Alten“ und seinen Kurs auf der Kongressbühne frontal anzugreifen. „Chirac, Chirac“ rief die Parteijugend.

Villepin nutzte die Gunst der Stunde, um sich in die Fußstapfen Chiracs zu stellen. Schon seit jungen Jahren habe er Chirac loyal politisch begleitet, sagte Villepin und rief die Partei auf, weiter „Chiracs Kurs“ treu zu bleiben. Sarkozys Antwort kam postwendend: „Nichts, wirklich nichts, und niemand, wirklich niemand wird mich daran hindern, bis zum Ziel zu gehen“, rief Sarkozy trotzig in den Saal. Er habe „keine Angst vor der Konkurrenz“ und werde Reformen vorschlagen, die weit über Villepins Ankündigungen hinaus gingen. Chirac ist dabei als möglicher UMP-Kandidat fast schon vergessen.

Mit seiner Erkrankung hätten sich „die politischen Verhältnisse grundlegend geändert“, denn in der „republikanischen Monarchie“ Frankreich schlage eine Schwäche des Chefs sofort durch, analysiert der „Parisien“.

Doch wie krank ist Chirac wirklich? Der Optimismus der kargen Ärztebulletins, die vieles im Unklaren lassen, weckt Zweifel: Steht hinter dem „gefäßbedingten Sehproblem“ ein leichter Schlaganfall? „Glaubt man den Ärztebulletins, wurde Chirac bei bester Gesundheit ins Krankenhaus gebracht“, schrieb die „République du Centre“ (Orléans) ironisch. Villepin heizte die Spekulationen unfreiwillig mit der beruhigend gemeinten Bemerkung an, er habe Chirac „aufrecht durch das Zimmer gehen sehen“. Dabei hatte niemand Chirac Lähmungen oder Gleichgewichtsprobleme nachgesagt. So ist man sich in Paris einig: Auch wenn Chirac in wenigen Tagen in den Elyseepalast zurückkehrt, läuft die Sanduhr seiner Amtszeit unerbittlich ab.

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