Neues Kuba Die Stunde der Wahrheit

Jahrzehntelang war Kuba isoliert. Nun treiben der Präsident Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama die Annäherung der Länder voran. Viele Kubaner setzen große Hoffnungen in die Gespräche. Doch der Wandel kann dauern.
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Was bedeutet die Annäherung ihres Landes für die einfachen Kubaner? Noch lässt sich das nicht eindeutig abschätzen. Quelle: dpa
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Was bedeutet die Annäherung ihres Landes für die einfachen Kubaner? Noch lässt sich das nicht eindeutig abschätzen.

(Foto: dpa)

Havanna„Die Castros haben mit der Blockade jahrelang all die Probleme gerechtfertigt, die durch ihre eigenen politischen Fehler entstanden sind.“ Bei diesen Worten reißt Yusimi Rodriguez die Augen weit auf. Die 38-jährige Journalistin nähert sich ihrem argumentativen Höhepunkt: „Ja, das Handelsembargo war ein Problem für alle Kubaner, aber es war nicht das Hauptproblem und hat dennoch alles überlagert - damit ist jetzt Schluss.“

Rodriguez, drahtig, kurzes Haar, schlichter Look mit Tanktop und Jeans, wache Augen, lehnt sich in den Barsessel zurück. Sie hat wie viele Kubaner lange auf diesen Moment gewartet: Auf das Ende der Funkstille zwischen den USA und Kuba. Rodriguez schreibt für „Havana Times“, ein alternatives Onlinemedium. Sie beschäftigt sich vor allem mit Sozialthemen wie Rassismus, Genderthemen und gleichberechtigter Teilhabe verschiedener Gesellschaftsgruppen. Vor allem mit Blick auf solche Aspekte sieht sie die Annäherung an die Staaten als wichtigen Gradmesser für ihr Land. Es geht um die Frage, ob Kuba im 21. Jahrhundert ankommt, oder im Anachronismus verhaftet bleibt.

Jahrelang war Kuba beinahe vom Radar der Weltgemeinschaft verschwunden. Nur ab und an kamen Meldungen über gesundheitliche Probleme von Fidel Castro oder über Menschenrechtsverletzungen und inhaftierte Aktivisten auf der internationalen Bühne an.

Nun ist Kuba zurück auf der Nachrichtenagenda. Die Gespräche zwischen Barack Obama und Raúl Castro sowie zwischen den Außenministern der Länder am Rande des Amerikagipfels waren historische Schritte. Auch viele Kubaner sehen das so. Als die beiden Staatschefs im Dezember erstmals eine gemeinsame Erklärung verlasen, brach auf den Straßen Havannas spontaner Jubel aus. Doch was bringt es den Leuten, dass Kuba nun nicht mehr auf der US-Liste der Unterstützerstaaten des Terrorismus steht?

Ein Land zwischen Nostalgie und Aufbruch
Der Revolutionsplatz
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Er wirkt eher schmucklos und schlicht – dennoch ist er wohl einer der wichtigsten Plätze in Kuba: Der Revolutionsplatz im Zentrum der Hauptstadt Havanna. Dort halten die Castros ihre politischen Reden, die schon mal bis zu acht Stunden dauern können. Doch außerhalb solcher repräsentativen Momente ist der Platz meist menschenleer, nur der alte Revolutionär und Castro-Vertraute Camillo Cienfuegos wacht dann über den Asphalt. Wie viel revolutionärer Geist wohnt Kuba noch inne?

Che Guevara in der Hafenstadt Cienfuegos
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Auf den Straßen der Metropolen wie Havanna oder Cienfuegos an der Südküste der Insel sind die alten Revolutionäre um Che Guevara noch allgegenwärtig, dem toten Revolutionär wird gehuldigt: „Dein Vorbild lebt. Deine Ideen bestehen weiter.“ Sichtbar sind die Symbole aber vor allem dort, wo die Touristen vorbeigeführt werden. Sie sollen einen stolzen, sozialistischen Staat in Erinnerung behalten.

Der Malecón in Havanna
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Den Eindruck von Stolz und vor allem von Freiheit vermittelt etwa auch der Küstenboulevard Malecón. Dort brausen viele Oldtimertaxis mit Touristen umher, doch auch die Einheimischen entspannen abends an der Kaimauer. Die Atmosphäre ist lässig und unbesorgt.

Verfallene Straßen nahe des Malecóns
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Abseits der repräsentativen Plätze wird das Stadtbild Havannas dagegen nicht so sorgfältig gepflegt. Stolze Revolutionssymbole sucht man in den Seitenstraßen der Uferpromenade Malecón umsonst, kleine Pinbilder der Castros an den Wänden kleiner Läden sind das Höchste der Gefühle. Die Fassaden der alten Kolonialbauten bröckeln, Brachen bleiben lange Zeit ungenutzt. Denn Investitionen in Neubauten gibt es kaum.

Streetart in den Seitenstraßen von Havanna
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Stattdessen versuchen die Kubaner ihre alten, kaum instand gehaltenen Wohnbauten mit eigenen Mitteln möglichst wohnlich zu gestalten. Straßenkunst lockert die Atmosphäre des Verfalls etwas auf – da ist eben die eigene Kreativität gefragt, wie so oft im Alltag der Kubaner.

Warteschlangen vor den Boutiquen
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Denn in der staatlichen Planwirtschaft ist nicht immer sicher, ob man seine individuellen Pläne so umsetzen kann, wie man will. Welche Waren noch da sind, wenn man beim Samstagseinkauf vom Türsteher der Boutique eingelassen wird, ist vorab nie abzusehen. Deshalb bilden sich vor beliebten Geschäften dann schon mal kleine Menschentrauben wie hier in der Fußgängerzone in Cienfuegos. Ein Bild, das sich in Deutschland wohl höchstens noch in der Hysterie um die Neueröffnung eines Primark oder eines Appleshops bietet. Viele Kubaner hoffen, dass die Annäherung an die USA ein wenig mehr Planbarkeit bringt.

Höhepunkt für junge Kubanerinnen
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Schließlich gibt es Momente, in denen einfach nichts fehlen sollte: Hier wird eine junge Kubanerin in Trinidad auf ihre Quinceañera vorbereitet. In vielen lateinamerikanischen Ländern und auch in Kuba wird der 15. Geburtstag der Mädchen als Übergang ins Erwachsenenalter mit viel Pomp gefeiert. Wenn eine Familie es sich leisten kann, fährt sie an diesem Tag alle Geschütze auf, inklusive Make Up-Artist und Fotografenteam.

Einige Experten wie die auf Kuba spezialisierten Politik- und Gesellschaftswissenschaftler Ted Henken und Gabriel Vignoli warnen die USA in aktuellen Beiträgen davor, einen Regimewechsel erzwingen zu wollen. Barack Obama hat im Dezember angekündigt, eine Strategie des „Empowerments“ fahren zu wollen, kubanischen Unternehmen sollten Kooperationen mit US-Firmen angeboten werden, die kubanische Wirtschaft soll Zugang zum US-Bankensystem bekommen und neben Handelsbeziehungen sollen auch Wissens- und Technologietransfer neu aufgebaut werden.

Dies alles seien begrüßenswerte Elemente der neuen US-Kuba-Politik, so die Wissenschaftler. Doch Obama solle sich vor dem Modell „Trojanisches Pferd“ hüten und nicht versuchen, mit dieser Unterstützung eine oppositionelle Mittelschicht in Kuba aufzubauen. Denn das könne schnell wieder zum Abbruch der Beziehungen führen.

Yusimi Rodriguez ist da optimistischer. Wenige Wochen vor den historischen Begegnungen zwischen den Staatschefs sitzt sie an einem heißen Nachmittag im März in einer Bar im Zentrum Havannas. Draußen dröhnen die Autohupen im hektischen Großstadtverkehr, Rodriguez legt sich in ihren Sessel gelehnt bedächtig die Worte zurecht. „Es verändert sich etwas, es geht langsam, aber es geht voran“, sagt sie schließlich. Auch wenn die USA nicht erreichen würden, dass sich das Castro-Regime sofort in eine Demokratie verwandele; Kuba werde bei einer Öffnung in Richtung der Staaten langfristig nicht darum herum kommen, eine legale Opposition zuzulassen - davon ist Rodriguez überzeugt. Raúl Castro hat zwar noch vor Kurzem betont, dass es auch weiterhin keine andere Partei als die Kommunistische Partei Kubas (PCC) geben soll.

Doch Rodriguez glaubt, dass er die Unzufriedenheit vieler Kubaner mit dem Status Quo nun nicht mehr länger zur Seite wischen kann. Ein Faktor, der dazu beitragen könnte, sind auch die alternativen Onlinemedien wie Rodriguez' Arbeitgeber „Havana Times“ oder „Diario de Cuba“.

Seit Raúl Castro 2006 die Amtsgeschäfte von seinem Bruder Fidel übernahm, konnten sich einige solcher Angebote neben den offiziellen Parteiorganen wie der Zeitung „Granma“ etablieren, ohne sofort gesperrt zu werden. Sie bauen trotz anhaltender Repressionen gegen Journalisten und Zensur gegen populäre Blogs wie den der Aktivistin Yoani Sánchez (siehe die Englische Version) langsam eine Gegenöffentlichkeit auf. Mit Newslettersystemen umgehen sie die teuren Nutzungsgebühren in den Internetcafés, die für normale Kubaner nicht erschwinglich sind und sie deshalb abhalten, ihre Seiten normal zu besuchen. „Wir erreichen die Leute Schritt für Schritt, weil sie auch sehen, dass ihr Land feststeckt“, sagt Rodriguez.

Innovation ist ein rares Gut
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