Neun Wochen in der Türkei
Der Anschlag im Kopf

Die Türkei hat sich 2015 vom Musterknaben zum Krisenland entwickelt. Reporter Ozan Demircan erinnert sich an neun ereignisreiche Wochen in Istanbul – und fragt sich, ob seine zweite Heimat je wieder zur Ruhe kommen kann.
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Frankfurt, Istanbul10. Oktober: Ich sitze am Köln-Bonner Flughafen und warte auf das Signal zum Einsteigen in das Flugzeug in Richtung Istanbul. Neun Wochen möchte ich aus der Stadt am Bosporus berichten. Ein paar wichtige Termine stehen bereits fest: Am 1. November sollen die Türken zum zweiten Mal in dem Jahr ein Parlament wählen, nachdem aus der Wahl im Juni 2015 keine Koalition entstanden ist. Und am 14. November findet der G20-Gipfel im südtürkischen Belek statt. Außerdem habe ich mir vorgenommen, Unternehmer zu interviewen, Reportagen über den Strukturwandel in der Industrie zu schreiben und Städte wie Mardin zu besuchen, in der die Bürgermeisterin eine Frau ist und noch dazu syrische Christin.

Ein letztes Mal vor dem Boarding schaue ich auf mein Mobiltelefon. Eine Eilmeldung leuchtet auf dem Display: „Anschlag in Ankara – viele Tote und Verletzte“. Bis zu meiner Landung in Istanbul werden 97 Leichen gezählt. Ich frage mich, ob es zu gefährlich ist, wenn ich mit der U-Bahn zu meiner Wohnung im Innenstadtbezirk Beyoglu fahre, und bestelle ein Taxi. Noch auf dem Weg denke ich mir, dass ich ein paar Themen, über die ich schreiben möchte, wohl nach hinten verschieben muss.

12. Oktober: Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigt an, in die Türkei zu reisen. Als Themen für den Spontan-Besuch nennt ein Regierungssprecher den Konflikt in Syrien: die Flüchtlingskrise und den Kampf gegen den Terrorismus. Die EU will die türkische Regierung dazu bewegen, in der Flüchtlingskrise noch enger mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie erhofft sich davon eine Begrenzung des Flüchtlingszustroms. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hofft, dass der schwere Anschlag in der Türkei nicht die Verhandlungen über eine engere Zusammenarbeit in der Flüchtlingspolitik behindert. „Ich habe Verständnis dafür, dass jetzt prioritär natürlich ermittelt werden muss“, sagt er. „Aber ich hoffe dennoch, dass die ermutigend begonnenen Gespräche mit der Türkei über eine gemeinsame Migrationspolitik möglich bleiben.“

13. Oktober: Beim EM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und Island kommt es zum Eklat. Während die Teams in einer Schweigeminute der Opfer von Ankara gedenken, tönt es Pfiffe und Buhrufe von der Tribüne. Irgendwann hört man „Allahu akbar“ – Gott ist groß. Die Türkei gewinnt 1:0 und ist damit für die EM qualifiziert. Ich schaue das Spiel in der Istanbuler Innenstadt. Die Fans dort feiern, als hätte es keinen Terror am vergangenen Wochenende gegeben. Dann wird der Nationaltrainer Fatih Terim interviewt. „Ich wünschte, wir hätten die Qualifikation verpasst“, sagt er unter Tränen, „wenn dafür in Ankara keines unserer Kinder gestorben wäre“. In der Partymeile Nevizade Sokak, in der ich das Spiel gesehen habe, wird es schlagartig ruhig.

14. Oktober: Im ganzen Land gibt es Demonstrationen gegen Regierung und Polizei, die den Anschlag auf Ankara angeblich nicht verhindert hätten. Viele skandieren „Dieb, Mörder, Erdogan“. Am Abend räumt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erstmals Fehler der Sicherheitskräfte ein. „Es wäre arrogant zu sagen, dass es keine Fehler gegeben hat“, erklärt er. Nach den vorigen Anschlägen in Suruc und Diyarbakir, bei denen bereits knapp 100 Menschen ums Leben gekommen sind, sagen ihm viele ein gewisses Kalkül nach: Erdogan lasse demnach Anschläge im eigenen Land zu, damit die Bürger sich nach einem starken Mann in der Regierung sehnen – und ihn bei der anstehenden Wahl am 1. November wählen.

17. Oktober: Nach einer amtlichen Erhebung sind seit Juli 282 Zivilisten und Beamte durch Terrorangriffe in der Türkei getötet worden, im Schnitt fast drei pro Tag. Die meisten Angriffe gehen auf das Konto der kurdischen Extremistenorganisation PKK, die seit dem Ende einer Waffenruhe mit der Regierung beinahe täglich Polizeifahrzeuge angreift. Umgekehrt töten Sicherheitskräfte ständig PKK-Mitglieder oder ihr verwandte Gruppierungen. In zahlreichen Medien, auch in Deutschland, heißt es oft verallgemeinernd, die Türkei gehe „gegen die Kurden vor“. Auch deutsche Politiker nutzen diesen Terminus. Wenn das tatsächlich so wäre, müsste die Polizei jeden fünften Bewohner der Türkei angreifen – so groß ist nämlich der Anteil Kurden in der Bevölkerung.

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