Neuseelands Wahlsieger
John Key: Aus Armut zum „Killer“

Aus ärmlichen Verhältnissen brachte es der neue neuseeländische Ministerpräsident ganz nach oben. Der ehemalige Investmentbanker gilt als intelligenter Stratege, aber auch als uncharismatischer Langweiler.

WELLINGTON. Der neue Premierminister Neuseelands stammt aus ärmlichen Verhältnissen. 1961 in Auckland geboren, wuchs John Key in einem Haus auf, das der Sozialhilfe gehörte. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Seine Mutter, eine 1939 aus Österreich geflohene Jüdin, schaffte es durch harte Arbeit als Putzfrau, Key und seinen beiden Schwestern in gute Schulen zu schicken. John Key absolvierte in der Stadt Christchurch ein Wirtschaftsstudium und ging später nach Harvard.

Wieder zurück in Neuseeland arbeitete er bei einer Treuhandfirma. 1995 wechselte er als Chef des Devisenhandels zur inzwischen verkauften Investmentbank Merrill Lynch in Singapur. Aus dieser Zeit stammt sein Spitzname als "lächelnder Killer": 1998 soll Key als Folge schwerer Verluste bei der russischen Finanzkrise Dutzende oder gar Hunderte von Mitarbeitern entlassen haben - "mit einem Lächeln im Gesicht", wie seine Kritiker sagen. Key verdiente gut: Er soll heute ein Privatvermögen von mehreren Dutzend Millionen Dollar haben.

2001 wurde John Key von der Nationalpartei nach Neuseeland zurückgelockt, wo er schon bald ins Parlament einzog und vor zwei Jahren den Parteivorsitz übernahm. Im jüngsten Wahlkampf fiel der durch einen Mangel an Begabung für öffentliches Auftreten auf. Er wirkt wenig charismatisch, ja langweilig. Ein Versuch, sich mit dem zukünftigen amerikanischen Präsidenten Barack Obama zu vergleichen, löste im ganzen Land Spott und Hohn aus.

Vertreter der Wirtschaft beschreiben ihn aber als intelligenten Strategen, der seine Wurzeln in der Armut nicht vergessen habe und kein "rechter Ideologe" sei. Obwohl er klassisch konservative Ziele verfolgt wie eine Stärkung der Privatindustrie, Steuersenkungen und eine schlankere öffentliche Verwaltung, wird ihm gelegentlich sogar vorgeworfen, zu "links" zu sein. So steht er offen zur Beibehaltung eines starken Sozialsystems. Der Vater von zwei Kindern zitierte jüngst den Spruch: "Eine Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie sich um ihre Schwächsten kümmert."

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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