Neuwahlen in Griechenland
Im Krieg gegen Europa

Der Radikallinke Alexis Tsipras hetzt im Wahlkampf gegen die EU, wenn er im Ausland ist, tritt er als Bittsteller auf und bittet um Solidarität. Seine Partei wird Umfragen zufolge nach der Wahl stärkste Kraft.
  • 1

AthenGriechenland steht vor einer Schicksalswahl – schon zum zweiten Mal in sechs Wochen. Bei dem Urnengang am 17. Juni geht es um die wichtigste Weichenstellung seit dem Ende der Obristendiktatur vor 38 Jahren: die Zukunft des Landes in Europa.

Alexis Tsipras setzt auf Sieg. Im ersten Anlauf, bei der Parlamentswahl am 6. Mai, ging sein Bündnis der radikalen Linken (Syriza) mit knapp 17 Prozent noch als zweiter durchs Ziel. Es war ein Protestvotum gegen den brutalen Sparkurs, der dem Land die tiefste Rezession und die höchste Arbeitslosigkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs beschert hat. Bei der Neuwahl in zwei Wochen will Tsipras seine Partei zur stärksten politischen Kraft machen. Das ist keine Utopie: eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage sieht die Tsipras-Partei mit 30 Prozent auf dem ersten Platz, gefolgt von den Konservativen mit 26,5 Prozent.

Der 37-Jährige, der seine politische Karriere bei der kommunistischen Jugend begann und als Pennäler Schulbesetzungen organisierte, kämpft an allen Fronten: der sozialistischen Pasok muss er bei der bevorstehenden Wahl Stimmen abnehmen, wie auch der stalinistischen KP. Er muss im Revier der Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“ ebenso Wähler abfischen wie bei den ultranationalistischen „Unabhängigen Griechen“. Und natürlich muss er der konservativen Nea Dimokratia (ND) Anhänger abspenstig machen, denn die liefert sich seit Wochen in den Meinungsumfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Syriza.

Aber der eigentliche Widersacher des Alexis Tsipras ist Europa.

„Wir sind in einer Situation wie die USA und Russland im Kalten Krieg“, erklärte Tsipras kürzlich im britischen „Channel 4“: Beide Seiten verfügten über Atomwaffen; die Kreditgeber drohten damit, den Geldhahn zuzudrehen, Griechenlands Waffe sei die Einstellung des Schuldendienstes. „Wenn einer von beiden auf den roten Knopf drückt, gibt es nur Verlierer“, dozierte Tsipras. Deshalb müsse man sich einigen.

Der Vergleich zeigt: Tsipras sieht die EU nicht als Partner sondern als Gegner. Sie ist für ihn der Feind. Zwar legt Tsipras Lippenbekenntnisse zu Europa ab, um die Wähler der Mitte zu umgarnen. Doch das ist in den eigenen Reihen nicht mehrheitsfähig. Die meisten der zwölf Gruppierungen, die Syriza bilden, haben mit der EU und dem Euro nichts am Hut. Darunter sind politische Sekten wie die maoistische „Kommunistische Organisation Griechenlands“, die trotzkistische „Internationale der werktätigen Linken“ oder die Gruppe „Rosa“ (für Rosa Luxemburg). „Wir wollen den Austritt aus dem Euro und den vollständigen Bruch mit der totalitären EU“, verkündet Panagiotis Lafazanis vom Syriza-Führungszirkel. „Es ist uninteressant, ob wir im Euro sind oder nicht“, sagt Manolis Glezos, ein Urgestein der Radikallinken. „Die Währungsfrage ist kein Tabu“, erklärt auch Syriza-Finanzexperte Giannis Milios.

Kommentare zu " Neuwahlen in Griechenland: Im Krieg gegen Europa"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Man kann zu Tsipras stehen wie man will, aber jeder andere Politiker, der seinem Volk vermitteln will, dass es ihm am Herzen liegt, würde genauso reden. Die einzigen, die das nicht können, sind die Eurokraten. Die haben nämlich kein Volk. Die haben nur ihren Euro und wenn der wech ist, sind sie die heimatlosen Nomaden, die jetzt schon jeder in ihnen sieht.
    Sollen die Griechen etwa Selbstmord begehen und den Euro aufgeben? So blöd sind sie nicht. Der ist im Moment das Letzte was den Totalabsturz verhindert. Zunächst müssen sich die Griechen aufrappeln können, um dann mal auszumisten und die Veruracher der Situation in die Pflicht zu nehmen.
    Ich denke, es ist für jeden bodenständigen Europäer an der Zeit, den Griechen echte Hilfe anbieten, so wie es sich gehört für Nachbarn und Freunde!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%