„News of the World“
Murdoch-Zeitung belauschte Politiker

Großbritannien hat neben der Spesenaffäre nun auch einen handfesten Medienskandal. Journalisten der Boulevardzeitung „News of the World“, die zum Imperium von Rupert Murdoch gehört, sollen die Telefonate Hunderter Parlamentarier abgehört und auf ihre Mailboxen zugegriffen haben. Pikant: Der Ex-Chefredakteur des Blattes ist heute Kommunikationschef der Tories.

LONDON. Das Unterhaus forderte am Donnerstag eine umfassende Untersuchung der Vorwürfe. Unter den Betroffenen sollen Olympiaministerin Tessa Jowell, Vizepremier John Prescott und Londons Bürgermeister Boris Johnson sein.

„Wir wissen, dass wir einen Überwachungsstaat haben, aber Überwachung durch Zeitungen ist unakzeptabel“, wetterte der liberaldemokratische Abgeordnete Evan Harris. Nur die Tories hielten sich zurück: Ihr Kommunikationschef Andy Coulson steht als ehemaliger Chefredakteur der in Verruf geratenen Sonntagszeitung nun unter Beschuss. Nach Enthüllungen des „Guardian“ haben Journalisten der „News of the World“ Handy-Mailboxen von bis zu 3 000 Politikern und Prominenten abgehört – illegal, aber technisch problemlos, wenn die Handybesitzer die Zugangscodes ihrer Telefone nicht ändern.

Doch die Enthüllungen gehen weiter: Denn laut „Guardian“ haben Polizei und Gerichte versucht, Details der Affäre nicht in die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Der vom australisch-amerikanischen Medienzaren Murdoch kontrollierte Medienkonzern News International, zu dem die „News of the World“ gehört, soll Opfern der Lauschangriffe in außergerichtlichen Abkommen mindestens eine Mio. Pfund an Schweigegeld gezahlt haben. So seien 700 000 Pfund an den Chef der Fußballergewerkschaft, Gordon Taylor, gezahlt worden, berichtet der „Guardian“.

Im Unterhaus wurden am Donnerstag auch Vorwürfe laut, die beschuldigte Sonntagszeitung habe für Geld Informationen von der Polizei gekauft. „Warum werden diese Vorwürfe von der Polizei nicht untersucht?“, fragte der Abgeordnete Martin Salter. Scotland-Yard-Chef Sir Paul Stephenson ordnete unverzüglich eine „Feststellung der Fakten an“. Auch der Medienausschuss des Unterhauses hat eine Untersuchung eingeleitet.

Hintergrund der Affäre ist ein Abhörskandal, der im Januar 2007 zur Verurteilung des Hofkorrespondenten von „News of the World“, Clive Goodman, zu vier Monaten Gefängnis geführt hatte. Goodman und der mitverurteilte Privatdetektiv Glenn Mulcaire waren für schuldig befunden worden, in die Mailboxen von Prinz William und Mitgliedern seines Haushalts eingedrungen zu sein. Erst jetzt wird bekannt, dass die Abhöraktivitäten der Zeitung nicht auf Goodman beschränkt und die Mitglieder der königlichen Familie nicht die einzigen Opfer waren.

Der Fall Goodman führte zum Rücktritt des damaligen Chefredakteurs der „News of the World“, Andy Coulson, der nur Monate später Kommunikationschef bei Tory-Chef David Cameron wurde. „Ich übernahm damals die volle Verantwortung dafür, was in meiner Amtszeit ohne mein Wissen geschehen ist“, so Coulson in einer Erklärung. Aber mindestens zwei Dutzend Journalisten des Blattes waren an Abhöraktionen beteiligt. „Coulson war entweder inkompetent oder Mitwisser“, folgerte der frühere Murdoch-Vertraute Andrew Neil. Nun werden erneut Vorwürfe laut, Coulson sei zurückgetreten, um weitere Untersuchungen durch den britischen Presserat zu verhindern, die für Murdoch hätten unangenehm werden können.

Tory-Chef Cameron steht unter Beschuss, weil er sich hinter Coulson stellte: „Wir Tories geben Leuten eine zweite Chance“, sagte er. „Tories wissen nicht, ob sie Opposition machen oder ihr Personal verteidigen sollen“, kritisierte Liberaldemokrat Harris. Labour-Mann Prescott zog die Urteilsfähigkeit des Tory-Chefs in Zweifel. Cameron scheine als einziger keine Fragen in der Causa Coulson zu haben. Coulson hat für die Tories strategische Bedeutung: Er sollte nicht nur Kontakte zur nationalen Presse pflegen, sondern auch seine guten Beziehungen zu Murdoch ins Spiel bringen. Denn ohne Unterstützung des Medienzaren, heißt es, könne keine Partei eine britische Parlamentswahl gewinnen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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