Nicolas Sarkozy
Nichts als Versprechungen

Vor einem Jahr ließ sich Nicolas Sarkozy als Retter des Stahlwerks Gandrange feiern. „Wir lassen euch nicht fallen“, versprach Frankreichs Präsident damals den jubelnden Arbeitern, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten. Heute steht wieder jeder zweite Stahlarbeiter in Gandrange vor dem Jobverlust – und vom Staatschef sind nicht einmal geschliffene Reden zu hören.

GANDRANGE. Düster und schwarz hebt sich das Stahlwerk vom grauen lothringischen Winterhimmel ab. Die riesige Industrieanlage dominiert die Landschaft. „Wir nennen sie hier ,die Kathedrale'“, sagt Edouard Martin. Der Vertreter der Gewerkschaft CFDT lenkt seinen schwarzen Ford auf einen Schotterparkplatz vor einem allein stehenden Haus, der lokalen Vertretung der CFDT. Sie liegt nur wenige Hundert Meter vom Stahlwerk Gandrange des Industrieriesen Arcelor-Mittal entfernt.

Gespenstisch still ist es um die „Kathedrale“: Kein Rauch, kein Geräusch sind auszumachen. Die Produktion ist wegen der Krise unterbrochen. Und im April sollen Teile des Werks in Gandrange endgültig schließen; die Schrottschmelze und die Produktion von Stahlzylindern werden eingestellt. 595 Arbeitsplätze von 1 108 Jobs gehen verloren. Dabei hatte Nicolas Sarkozy ganz anderes versprochen.

Ein Jahr ist es her, dass der Konzern die Teilschließung des Werks angekündigt hatte. Sarkozy, damals im Umfragetief, rückte postwendend mit einem Pulk an Kamerateams und der mit ihm frisch vermählten Carla Bruni im Schlepptau zu den Stahlwerkern an. Und spuckte große Töne.

„Ihr seid nicht allein. Wir lassen euch nicht fallen“, rief ihnen der Staatschef zu. „Der Staat wird lieber Geld in die Modernisierung des Werks investieren, als Geld in Arbeitslosenunterstützung oder Frühverrentung zu stecken.“ Und mit Blick auf seine junge Gattin Carla Bruni legte er noch einen drauf: „Gandrange, es gibt nichts Besseres für eine Hochzeitsreise.“ Die Stahlwerker johlten und applaudierten.

Heute ist der Applaus verhallt, und die Versprechen sind vergessen. Kein Investor wurde gefunden. Auch der Staat hat keinen Cent in Gandrange investiert. Sarkozy wollte zwar schon im April vergangenen Jahres wieder nach Lothringen kommen, um seine Versprechen „in Stein zu meißeln“. Doch bis heute hat er sich nicht wieder blicken lassen. Daher ist die Wut groß in der backsteinernen CFDT-Niederlassung. Präsident Sarkozy, der mit Konjunkturpaket und Staatsfonds Frankreichs Industrie vor der Krise bewahren will – in Gandrange warten sie noch heute.

Cedric Laure arbeitet seit Januar 2003 bei Arcelor-Mittal. Er soll zwar einen neuen Arbeitsplatz in einem anderen Werk des Konzerns bekommen. Wo, weiß er bis heute nicht. „Viele haben Sarkozy zugejubelt, ich nicht“, erzählt der Mittdreißiger bitter. Sein dunkles Haar glänzt vor Gel, unter seiner schwarzen Jacke trägt er ein Airbus-T-Shirt. „Er wollte doch bloß auf unserem Rücken seine Werbenummer abziehen – von wegen Hochzeitsreise!“

Die Regierung entgegnet: Dank Sarkozys Eingreifen habe Konzerneigner Lakshmi Mittal zugestimmt, 35 Mio. Euro in das Werk in Gandrange zu investieren und einen Fonds über 20 Mio. Euro zur lokalen Forschungsförderung aufzulegen. „Von diesem Fonds ist bis heute kein Cent in der Region angekommen“, sagt CFDT-Vertreter Martin.

Am schlimmsten sind die lokalen Subunternehmer von der Teilschließung betroffen. Ihnen brechen hohe Umsatzteile weg: „Ich hatte gehofft, einen Teil meiner Beschäftigten bei anderen Kunden wie der Autoindustrie einsetzen zu können“, sagt der Chef eines Subunternehmens, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Aber wegen der Krise klappt das nicht, also muss ich entlassen.“ Sein Unternehmen organisierte den Materialfluss auf dem Werksgelände. Wie viele er von seinen 126 Beschäftigten wird halten können, weiß er nicht. Auch er hatte Sarkozy vor einem Jahr gelauscht: „Nach der Rettung von Alstom glaubte ich damals, dass er wirklich seine Versprechen einhält.“

Heute will Sarkozy im TV seine Wirtschaftspolitik erläutern. Die Menschen in Gandrange werden vermutlich nicht einschalten. Geschliffene Reden hatten sie genug.

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