Niedergang einer Stadt

Wer zahlt die Zeche für Detroit?

Über 100.000 Gläubiger warten auf Geld der Stadt Detroit. Nach der Pleite müssen vor allem städtische Angestellte um ihre Gesundheitsversorgung und Pensionen bangen. Doch auch eine deutsche Bad Bank hängt mit drin.
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Kevyn Orr: Der Krisenmanager versucht die Finanzen der Stadt zu sanieren. Quelle: ap

Kevyn Orr: Der Krisenmanager versucht die Finanzen der Stadt zu sanieren.

(Foto: ap)

DüsseldorfDie Pleite Detroits ist kein bloßes Gespinst des Finanzmarkts: Der Niedergang der Stadt ist überall spürbar. Der Notfall-Finanzmanager Kevyn Orr hat das in Präsentationen immer wieder zusammengetragen. Durchschnittlich 58 Minuten braucht die Polizei der Stadt mittlerweile, um nach einem Anruf vor Ort zu sein – im vergangenen Jahr waren es noch 30 Minuten. Etwa vier von zehn Straßenlaternen funktionieren nicht, immer schafft die Stadt es noch die Beschwerden darüber zu zählen: 3.300 waren es vor wenigen Monaten.

Am Donnerstag hat die Stadt kapituliert und Gläubigerschutz beantragt. Schätzungsweise 18,5 Milliarden Dollar an Schulden stehen aus und es stellt sich die Frage, wer die Zeche zahlt. Die Stadt zählt mehr als 100.000 Gläubiger, 3.000 Seiten umfasst das Dokument, in dem sie aufgelistet sind. Allen voran stehen die bislang ungedeckten Ansprüche des Rentensystems für die Mitarbeiter der Stadt. Etwa zwei Milliarden Dollar sind dort offen. Auf weitere 1,4 Milliarden Dollar werden die Ansprüche des Pensionsfonds der Polizisten und Feuerwehrleute der Stadt geschätzt. Auch die Gesundheitsverpflichtungen gegenüber den Pensionären sind groß.

Im Kampf gegen ihren gewaltigen Schuldenberg kann Detroit nicht auf Unterstützung von der US-Regierung hoffen. Die Schwierigkeiten müssten vor Ort gelöst werden, sagte eine Sprecherin von US-Präsident Barack Obama. Das Weiße Haus beobachte aber die Lage sehr genau und halte an der „engen Partnerschaft mit Detroit“ fest. Damit lässt das Weiße Haus die Auto-Metropole im US-Staat Michigan auf ihrem gewaltigen Schuldenberg sitzen.

Die beiden Pensionsfonds der Stadt hatten aus Angst auf Einbußen Klage gegen einen Plan eingereicht, den Sanierer Orr im Juni vorgestellt hatte. Der Finanzexperte hatte mit Gläubigern verhandelt und auf einen Verzicht von Forderungen gepocht. Künftig wird nach dem Chapter-9-Verfahren des Konkursrechts nun ein Insolvenzrichter entscheiden, welche Gläubiger der Stadt bevorzugt behandelt werden und wer vernachlässigt wird.

Erst nach den beiden Rentenkassen finden sich Anleihegläubiger der Stadt auf der Liste der 20 größten Gläubiger. Die Papiere sind in Treuhandgesellschaften der US Bank NA zusammengefasst, sodass die letztlich dahinterstehenden Investoren nicht aufgeschlüsselt sind. Zuletzt hatten namentlich die Schweizer Großbank UBS und eine Tochter der Bank of America (Merrill Lynch Capital Services) mit der Stadt über Forderungsverzichte verhandelt.

Zu einem Gläubigertreffen im Juni waren neben den Mitarbeiterorganisationen der Stadt und Gewerkschaften vor allem auch Anleiheversicherer geladen. Denn die meisten städtischen Anleihen sind durch Firmen wie MBIA, Financial Guarantee Insurance (mit Rückendeckung der Warren-Buffett-Holding Berkshire Hathaway) oder Syncora abgesichert.

Auch die Bad Bank der in der Finanzkrise kollabierten Hypo Real Estate mit Sitz in München ist von der Pleite Detroits betroffen. Die FMS Wertmanagement hält Anleihen der Stadt Detroit in Höhe von 200 Millionen Dollar, teilte ein Sprecher auf Anfrage von Handelsblatt Online mit. Die Wertpapiere gehörten zum Portfolio „Structured Products“ und seien bereits zuvor wertberichtigt gewesen. Mögliche weitere „Konsequenzen des Geschehens in Detroit werden aktuell detailliert analysiert“, hieß es weiter.

Eine Umfrage von Handelsblatt Online unter deutschen Großbanken und Versicherern hat kein endgültiges Bild ergeben, ob die Pleite Detroits weitere Auswirkungen hierzulande haben könnte. Die Commerzbank kommentiere mögliche einzelne Kreditnehmer grundsätzlich nicht, die Allianz steckt in der Schweigephase („Quiet Period“) vor der Verkündung der Quartalszahlen am 2. August. Die hessisch-thüringische Landesbank schloss einen Schaden für die Bank aus, es gebe keinerlei Positionen. Der Niedergang Detroits sei schon lange absehbar gewesen. Die Erste Abwicklungsanstalt, Bad Bank der ehemaligen Westdeutschen Landesbank, hat ebenfalls kein Engagement in Detroit.

Die Insolvenz Detroits ist die größte in den USA
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35 Kommentare zu "Niedergang einer Stadt: Wer zahlt die Zeche für Detroit?"

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  • Nein, Monsieur. Dort gibt es ein Insolvenzrecht für Kommunen, hier in Deutschland nicht.

  • "Wir" sind Deuceland, "wir" müssen immer immer immer an die "Gechichte" denken, Rechnung geht "auf uns" !!

    Nur mal so, was passiert eigentlich wenn die paar Restdeutschen die Bundespappe wegschmeissen, wer zahlt dann die Schulden Deutschlands? Unsere Kültürbereicherer gewiss nicht, der Elitenabschaum auch nicht.

    Was machen die Gläubiger dann? Ungläubig aus der Wäsche kucken ? :)))

  • Amerika wäre weniger verschuldet wenn die Republikaner nicht absurd hohe Steuersenkungen durchgesetzt hätten

  • Welcome to Germany!
    So kann Detroit beliebig durch Deutschland, mit den
    zukünftigen Aussichten, ersetzt werden.
    Es ist die größte Staatspleite in der Geschichte
    Europas. Die einst stolze Automobilnation Deutsch-
    land in der Mitte Europas ist nach Jahrzehnten der
    Ausbeutung durch die 'EU' pleite.
    Einst ein blühendes Industrieland, erinnert Deutsch-
    land heute eher an einen verlassenen Geisterstaat.

  • Im Vergleich: Berlin 62 Mrd € Schulden zum 31.3.2013 also 80 Mrd US $. Woher die Aufregung ? Mehr als Griechenland und Detroit zusammen

  • Die "Alternative für Detroit" (AfD) sagt:

    Kein Zweifel - Detroit hat die falsche Währung!

    Nur wegen der niedrigen Dollarzinsen hat sich Detroit so hoch verschuldet!!

    Detroit muß schnellstens aus der Dollar-Zone ausscheiden und den Cadillac (1 Cadillac = 100 Chryslers) als Währung einführen.

    Nur ohne den für die Verhältnisse von Detroit vollkommen überbewerteten Dollar hat Detroit eine Chance!

  • Aber ansich, gerade wegen Zypern, haben Sie schon recht... Die Regeln waren in Europa einfach von Anfang an nicht klar genug. Wenn man Zypern pleite gehen lässt, springen die Zinsen für Spanien und Italien hoch... Heute kann man das nicht zulassen, damals war es ein Fehler die EU so lasch aufzubauen... Washington macht im Fall Detroit alles richtig.

  • Ich finde es gut, dass die Spielregeln in den USA hier deutlich klarer sind. Wenn eine Stadt in den Schulden versinkt gibt es eben ein Insolvenzverfahren. Genau so muss das auch sein (kein Moral Hazard).

  • Kapitalgedeckt ist kapitalgedeckt ;) In Detroit sind sie ja unterdeckt. Das ist also nicht vergleichbar.

  • Hier besteht kein Dominoeffekt, weil die relevanten Summen zu niedrig sind. Die Verbindlichkeiten sind gestreut und insgesamt, volkswirtschaftlich gesehen, niedrig und überschaubar. Dazu ist es in den USA völlig klar und jedem bekannt, dass Washington hier nicht eingreifen wird.

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