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03.04.2008 
Zypern

Nikosia öffnet das „Brandenburger Tor“

von Gerd Höhler

In der zyprischen Hauptstadt Nikosia ist ein Symbol der Teilung des Landes gefallen. Die seit Jahrzehnten gesperrte Ledra-Straße in der Innenstadt wurde wieder für Fußgänger geöffnet. Die Wiedervereinigung der Insel, die seit Mitte der 60er Jahre zwischen Türken und Griechen geteilt ist, rückt näher.

Bagger reißen die Mauer auf der Ledra-Straße in Nikosia ein. Foto: dpaLupe

Bagger reißen die Mauer auf der Ledra-Straße in Nikosia ein. Foto: dpa

NIKOSIA. Zwei rostige Tonnen, quer darüber ein Brett. Drauf steht Engin Yüksekbas. Auf Zehenspitzen kann er über die Blechwand blicken. Dahinter rattern Presslufthämmer und brummen Bulldozer. „Sie sind fast fertig“, meldet der junge Zyperntürke zufrieden.

Die Mauer verläuft quer über die Ledra-Straße in Nikosia. Lange war die Straße so etwas wie der Ku'damm von Zyperns Hauptstadt. Seit Türken und Griechen die Insel jedoch 1964 de facto teilten, flattern hier die Fahnen der Türkei und der „Türkischen Republik Nordzypern“, 70 Meter weiter südlich die Griechenlands und der Republik Zypern. Dazwischen ist Niemandsland, in dem Häuser verfallen und das Gestrüpp in den Ruinen wuchert. Seit fast 45 Jahren ist niemand mehr diesen Weg gegangen.

Bis heute. Auf der Ledra-Straße hat die Mauer, die Nord und Süd voneinander trennt, nun ein Loch. Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen haben Minen geräumt, Bauarbeiter baufällige Fassaden abgesichert. Die Straße ist neu asphaltiert.


Bildergalerie Bildergalerie: Die Öffnung der Ledra-Straße


Heute wurde hier ein Übergang eröffnet. Die Zyprer nennen ihn „unser Brandenburger Tor“. Seine Öffnung ist ein Symbol, gerade jetzt: Seit die Griechen im Februar den Reformkommunisten Dimitris Christofias zum Präsidenten wählten, scheint eine Vereinigung der Insel erstmals seit Jahrzehnten wieder in greifbarer Nähe zu sein.

Christofias löste den nationalistischen Hardliner Tassos Papadopoulos ab, der fünf Jahre lang jeden Annäherungsversuch zwischen Griechen und Türken hintertrieben hatte. Nun wollen Christofias und der Führer der türkischen Volksgruppen, Mehmet Ali Talat, die 2004 abgebrochenen Vereinigungsverhandlungen wieder aufnehmen. Und als Geste guten Willens vereinbarten sie die Öffnung des Übergangs an der Ledra-Straße.

Engin Yüksekbas, der hier ein Juweliergeschäft hat, kann es kaum erwarten: „Das wird der entscheidende Schritt zur Wiedervereinigung.“ Nebenbei rechnet er sich auch gute Geschäfte aus: „Dann kommen die Touristen aus dem Süden endlich auch zu uns.“ Während die griechischen Zyprer dort zuletzt 2,4 Millionen zahlende Gäste begrüßten, kamen nur 150 000 in den Norden. Bisher musste einen weiten Umweg machen, wer vom griechischen ins türkische Nikosia will. Der einzige Übergang befand sich in der Nähe des Paphos-Tores an der venezianischen Stadtmauer. 300 Meter breit ist hier die Pufferzone. Links liegt das Hotel Ledra Palace. Es dient heute als Zentrale der Uno-Blauhelmsoldaten, die seit 1964 die Pufferzone zwischen beiden Teilen Zyperns kontrollieren.

Die Einschüsse in der Sandsteinfassade erinnern an 1974. Damals besetzte die Türkei den Nordteil der Insel, um eine Annexion Zyperns durch die Athener Obristenjunta und die befürchtete Vertreibung der türkischen Volksgruppe zu verhindern.1983 riefen die Zyperntürken ihre eigene Republik aus, die allerdings nur von Ankara anerkannt wird. „Turkish Republic of Northern Cyprus – FOREVER“ grüßt ein großes Schild am Checkpoint.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Teilung für immer?

Für immer? Vielleicht doch nicht. „Guten Willen und Vertrauen vorausgesetzt, können wir bis Ende dieses Jahres die Zypernfrage lösen“, sagt der Türke Talat. „Wir fangen schließlich nicht bei null an.“

Andererseits sind seit 1974 alle Anläufe zu einer Wiedervereinigung Zyperns gescheitert. „Die Probleme sind identifiziert, die Positionen beider Seiten bekannt“, entgegnet Talat. Seit Jahren wirbt er für eine Verständigung, und er weiß die Mehrheit seiner Landsleute hinter sich. Diese stimmten schon 2004 für den Einigungsplan des damaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan. Er sah Autonomie der beiden Volksgruppen unter dem Dach einer Föderation vor.

Doch die 750 000 zypriotischen Griechen verwarfen den Plan auf Betreiben des Hardliners Papadopoulos, der die Macht nicht mit Türken teilen wollte.

Dessen Nachfolger Dimitris Christofias sieht das anders. Der Grieche macht den 256 000 Inseltürken die Hoffnung auf ein Ende ihrer jahrzehntealten wirtschaftlichen und politischen Isolation. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen im türkischen Norden liegt mit knapp 9 000 Euro nur halb so hoch wie im griechischen Süden. Hinzu kommt: Käme es zu einer Vereinigung, würde sich auch für die Zyperntürken die Tür zur EU öffnen, der die Inselgriechen bereits seit dem Jahr 2004 angehören.

Auch Cemal Bulutoglulari hofft auf eine Lösung. Er führt die größte Baufirma Nordzyperns und ist Bürgermeister des türkischen Teils von Nikosia. Mit seiner griechischen Kollegin Eleni Mavrou hat er die Öffnung des neuen Übergangs an der Ledra-Straße vorbereitet. Beide treffen sich heute Morgen zu einer kurzen Zeremonie. „Dieser Übergang ist der Schlüssel zur Lösung des Zypernproblems: Ist er wieder geöffnet, kann erst unsere Stadt und dann ganz Zypern wieder zusammenwachsen“, sagt Cemal Bulutoglulari.

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