Nir Barkat gewinnt Bürgermeisterwahl
High-Tech-Unternehmer trotzt Orthodoxen Jerusalem ab

Ein Unternehmer aus der High-Tech-Branche leitet künftig die Geschicke der Heiligen Stadt. Mit dem Sieg von Nir Barkat geht die Dominanz der Ultra-Orthodoxen im Stadthaus von Jerusalem zu Ende. Barkat will Israels Heilige Stadt modernisieren - und ist dabei mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert.

TEL AVIV. Barkat erhielt 52 Prozent der Stimmen, sein stärkster Konkurrent, der Rabbiner Meir Porusch, 43 Prozent. Der bisherige Bürgermeister Uri Lupolianski, der vor fünf Jahren als erster Ultra-Orthodoxer die Wahl gewonnen hatte, war nicht wieder angetreten.

Barkat ist weniger als Politiker, sondern als Computerunternehmer bekannt. Noch keine 30 Jahre alt, gründete er eine Firma, die Software gegen Computerviren entwickelt. In wenigen Jahren wurde er Millionär - und suchte eine neue Herausforderung in der Politik. Ein erster Anlauf scheiterte 2003. Jetzt aber kann der Ex-Fallschirmspringer ins Bürgermeisteramt der Heiligen Stadt einziehen.

Damit, fürchten Beobachter in Jerusalem, könnten sich die Probleme der Stadt weiter zuspitzen. Weil er um die Stimmen der überwiegend konservativ ausgerichteten Wähler Jerusalems buhlte, habe er die Grundsätze der jüdisch-arabischen Koexistenz über Bord geworfen. Er würde, versprach der rechtsnationale Barkat, in arabischen Stadtteilen Jerusalems neue Wohnungen für jüdische Bürger erstellen. In der größten Stadt Israels stehen sich drei feindlich gesinnte Bevölkerungsgruppen gegenüber: Palästinenser, ultra-orthodoxe Juden und moderat-religiöse Israelis.

Rund jeder fünfte Einwohner Jerusalems ist ein "Charedi", der hebräische Ausdruck für die "Gottesfürchtigen". Sie halten sich streng an die zahlreichen Religionsvorschriften, unter anderem die Ruhe am Schabat. Deren Einhaltung wollen sie mitunter auch mit militanten Mitteln in säkularen Stadtteilen durchsetzen. Die meisten "Charedis" haben kinderreiche Familien. Statt einen Job anzunehmen, ziehen sie ein Studium der Bibel vor. Sie zahlen deshalb ein Minimum an Steuern und leben sehr oft von der Sozialfürsorge.

Brisanter als der innerjüdische Konflikt ist die Palästinafrage in Jerusalem. Jeder dritte Bewohner der Stadt ist Palästinenser, denen die Stadt mehr Verdienstmöglichkeiten als jede andere Stadt der Westbank bietet. Wenn die Magnetfunktion anhalte, warnte Barkat während des Wahlkampfs, "werden wir innerhalb von 30 Jahren die jüdische Mehrheit verlieren". Um den demographischen Trend umzukehren, würde er neue Arbeitsplätze schaffen, neue Schulen gründen sowie für eine bessere und erschwingliche Wohnqualität sorgen, sagte Barkat.

Mit diesem Programm wandte er sich an die verbleibenden 46 Prozent der Jerusalemer Einwohner, die zum moderat-religiösen oder säkularen Spektrum zählen. Sie fühlen sich von der Armut der Stadt abgestoßen, fürchten sich vor einem Wideraufflammen palästinensischer Gewalt und haben Angst, dass die Ultra-Orthodoxen den Lebensstil diktieren. Jedes Jahr verlassen Tausende von frustrierten Israelis die Stadt - wodurch sie noch orthodoxer wird.

Barkat, der neue Bürgermeister, will die Probleme mit einem "business thinking" angehen. Ihm schwebt das Beispiel von San Diego vor. Er werde Forschungsstätten für Biotechnologie und High-Tech-Firmen nach Jerusalem locken, um säkulare Israelis in der Stadt zu behalten, versprach er. Mit seiner angekündigten expansiven Baupolitik, von der Palästinenser nicht profitieren sollen, könnte er sein Ziel allerdings gefährden.

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