Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kämpft lautstark für eine gerechtere Welt
Galionsfigur der Globalisierungsgegner

Am 25. November 1999 sah es so aus, als gäbe Joseph Stiglitz seinen einsamen Kampf um eine gerechtere Welt auf. Der Ökonom, der als Wissenschaftler zu den Besten seines Faches zählt, trat von seinem Amt als Chefvolkswirt der Weltbank zurück. Zuvor hatte er zweieinhalb Jahre lang immer wieder öffentlich die „Inkompetenz“ einer Institution angeprangert, die als Schwesterorganisation der Weltbank noch nie so stark von einem Insider kritisiert worden war: den Internationalen Währungsfonds (IWF).

FRANKFURT. Weltbankchef James Wolfensohn hielt lange die Hand über Stiglitz. Schließlich aber gab er dem Druck des US-Finanzministeriums nach. Mit seinem so gar nicht wissenschaftlichen Drang zu klaren Worten und einem gewissen Hang zur Selbstgerechtigkeit war Stiglitz in einem politischen Job nicht mehr tragbar.

Seinen Kampf gab der Ökonom aber nicht auf. Stattdessen hob er ihn auf eine neue Ebene: Er schrieb das Buch „Schatten der Globalisierung“, das zu einem internationalen Bestseller wurde. In dieses Buch packte er seine ganze Wut und Empörung gegen den aus seiner Sicht ideologisch bornierten IWF, der am Gängelband des US-Finanzministeriums vor allem die Interessen der großen Finanzinstitute vertrete. Für Stiglitz sind viele IWF-Mitarbeiter „drittklassige Studenten erstklassiger Universitäten“. Dem damaligen IWF-Vize Stanley Fischer unterstellte Stiglitz kurzerhand, dass er von der Citigroup mit einem hoch dotierten Posten für seinen Einsatz für die Wall Street belohnt wurde. Damit wurde der Nobelpreisträger allmählich zur Galionsfigur der Anti-Globalisierungsbewegung. Ganz im Stile des US-Regisseurs Michael Moore („Bowling for Columbine“, „Fahrenheit 9/11“) zeigt „Red Joe“ (so sein Spitzname an der Wall Street) keine Skrupel, sein Können einseitig in den Dienst eines politischen Ziels zu stellen. Selbst von der Gewalttätigkeit einiger Mitglieder seiner neuen Fangemeinde lässt sich Stiglitz nicht abschrecken.

Getrieben von einem starken moralischen Anspruch sieht sich der Ökonom als Verteidiger der Benachteiligten. Wieso er Wirtschaftswissenschaften studiert habe, fragte ein Reporter. Stiglitz erzählte von arbeitslosen Stahlarbeitern in seinem Geburtsort in der Nähe Chicagos. Wenn er über den Währungsfonds während der Asienkrise herzieht, fallen immer wieder Worte wie „Empörung“ und „Entsetzen“ über die angeblichen Folgen der IWF-Politik für die Menschen in den betroffenen Ländern. Stiglitz bezeichnet sich zwar als Agnostiker, sieht sich aber zugleich stark religiös geprägt durch seine jüdische Herkunft. Wenn er fluchte, zwang ihn seine Mutter, den Mund mit Seife auszuwaschen. Wenn Stiglitz solche Geschichten erzählt, bekommt man eine Ahnung von der Intensität dieser Prägung.

Als Ökonom ist Stiglitz überzeugter Keynesianer. Wer vom Staat in einer Krise Sparanstrengungen erwartet, bringt den Nobelpreisträger in Rage. Wer gegen Keynes ist, versteht seiner Meinung nach einfach nichts von Wirtschaft. Doch all die starken politischen und makroökonomischen Überzeugungen haben wenig mit der wissenschaftlichen Arbeit des Amerikaners zu tun.

Den Nobelpreis erhielt er für bahnbrechende Arbeiten zur Informationsökonomik. Dabei geht es um die Konsequenzen von unvollständiger und ungleich verteilter Informationen im Marktprozess. Oft sind es die Käufer, die mehr wissen als die Verkäufer. So wissen Versicherungsnehmer mehr über ihr individuelles Risiko als die Versicherer. Für die Versicherer ergibt sich daraus das Problem der negativen Selektion. Das bedeutet: Für Leute, die häufig Autounfälle verursachen, lohnt sich der Abschuss einer KFZ-Versicherung mehr als für die Menschen, die unfallfrei fahren. Wenn eine Versicherungsgesellschaft nicht gegensteuert, bekommt sie immer mehr Kunden mit hohem Risiko, muss deswegen die Preise für die Policen verteuern und wird dadurch für attraktive Kunden mit geringem Risiko immer uninteressanter. Nun kann der Anbieter aber einen ähnlichen Selbstselektionsmechanismus nutzen, indem er etwa unterschiedlich hohe Selbstbehalte anbietet. Wer ahnt, dass er eher einen Unfall verursachen könnte, wählt eher den Tarif mit niedrigem Selbstbehalt. Wer nicht mit einem Unfall rechnet, wählt den hohen Selbstbehalt. Der Versicherer kann so in gewissen Grenzen gute und schlechte Risiken mit unterschiedlichen Kosten belegen.

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