Nobelpreisträger Paul Krugman

Krugman kritisiert US-Kompromiss scharf

Der Schuldenkompromiss in den USA steht. Doch internationale Top-Ökonomen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und warnen im Handelsblatt-Gespräch vor dramatischen Folgen. Das Angstwort Rezession macht die Runde.
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US-Repräsentantenhaus stimmt für Schuldenkompromiss

Der Kompromiss im US-Schuldenstreit hat die schwierigste Hürde im Kongress genommen: Im Repräsentantenhaus stimmten am Montagabend 269 Abgeordnete für den von den Parteispitzen ausgehandelten Plan. Er sieht eine Anhebung der Schuldenobergrenze und Ausgabenkürzungen in den kommenden zehn Jahren von mehr als zwei Billionen Dollar vor.

Hiervon sollen Einsparungen von 917 Milliarden Dollar sofort in Kraft treten. Weitere Kürzungen von 1,2 Billionen Dollar sollen von einem neuen, von Demokraten und Republikanern besetzten, Super-Ausschuss zur Defizitsenkung festgelegt werden. Mit Spannung wird nun die Reaktion der Ratingagenturen erwartet, die wegen der hohen Schulden damit gedroht haben, den USA die höchste Bonitätseinstufung „AAA“ zu entziehen.

Die Welt atmet auf, ein Armageddon an den Finanzmärkten wurde in allerletzter Minute verhindert. Doch viele Ökonomen kritisieren den getroffenen Kompromiss - sie sorgen sich um die US-Wirtschaft und lehnen Ausgabenkürzungen zum jetzigen Zeitpunkt strikt ab.

Am deutlichsten wird dabei Nobelpreisträger Paul Krugman: „Das Schuldenabkommen ist ein Desaster, nicht nur für Obama und seine Partei: Es wird eine bereits am Boden liegende Wirtschaft weiter beschädigen und Amerikas Defizitproblem wahrscheinlich verschlimmern, nicht verringern“, urteilte er in seiner Kolumne für die New York Times.

Auch der Chefvolkswirt der japanischen Investmentbank Nomura, Richard Koo, warnt vor einem Abrutschen der US-Wirtschaft in eine erneute Rezession: „Bei weiteren Einsparungen droht den USA ein double-dip, wenn nicht sogar eine Deflationsspirale“, sagte er Handelsblatt Online. Koo fürchtet, dass sich die Fehler Japans aus den 90er-Jahren  wiederholen. Das Land stagnierte damals nach einer schweren Bankenkrise fast ein Jahrzehnt lang.

Die Lehre aus der Japan-Krise sei, dass sich der Staat nicht zur gleichen Zeit wie der Privatsektor entschulden kann, sagte Koo. Japan habe zehn Jahre gebraucht, um aus der Rezession zu kommen. Gleichzeitig sei die Staatsverschuldung massiv gestiegen. „Es ist traurig zu sehen, dass die USA, Großbritannien und Europa diesen Fehler nun wiederholen“, sagte Koo. Auch der US-Ökonom Barry Eichengreen von der Universität Berkeley warnte gegenüber Handelsblatt Online davor, dass Einsparungen das Wachstum in den USA und der Welt weiter schwächen würden.

Der Druck auf die Notenbank steigt
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27 Kommentare zu "Nobelpreisträger Paul Krugman: „Das Schuldenabkommen ist ein Desaster“"

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  • "Spare in der Zeit, dann hast du es in der Not." Das, ihr lieben Politiker am Sonnenstrand, sollte auf jedem Geldschein gedruckt sein.
    Und wenn schon Falschgeld in Umlauf gebracht wird, dann wenigstens für die Volkswirtschaft gewinnbringend.

    http://www.bps-niedenstein.de/content/view/202/2/

  • Ich befürchte, Sie unterschätzen die Sturheit der Eigentumsfundamentalisten von der Teebeutel-Fraktion. Die glauben sie fahren erster Klasse und wenn das Schuldenschiff untergeht, wäre das nur recht und billig und sie hätten ja ein Rettungsboot, weswegen man es ruhig drauf ankommen lassen könnte.

    Man sollten den den Film Titanic oder alternativ die Geschichte der letzten großen Depression (die man allerdings geschickt auf Europa abwälzen konnte) zur Anschaung vorspielen, um ihnen ihre Illusion vor Augen zu führen.

  • Ihre Antwort lässt schliessen, das Sie sich mit der Materie noch nicht weiter beschäftigt haben.
    Wenn eine Private Bank dem Staat Geld leiht und die Zinspolitik festlegt, kann der Staat sich nur in Schulden stürzen und logischerweise die Schulden nie zurückbezahlen, da das Geld für die Zinsen nie gedruckt wird.
    Es gibt ein paar aufklärende Filme (und vielerlei Bücher)hierzu, Stichworte wie 'money as debt' führen Sie auf den richtigen Weg.
    'The ascent of money' von Niall Ferguson, 'Fabian the Tale of the goldsmith' hilft hier auch weiter und sicherlich viele Aussagen des Republikaners Ron Paul(Congressabgeordneter aus Texas), der 2012 auch wieder für das Amt des Präsidenten in den USA kandidiert.

  • Mein Gefühl als kleiner Kaufmann hatte mir aber auch gesagt das die USA mit einer Kombination aus Sparen und investieren Arbeiten müssen, bei gleichzeitiger Anhebung der Steuern. Wenn der Staat nicht mehr investiert, nicht mehr antriebt wo soll dann Wachstum entstehen?

    Das was getan worden ist überzeugt auch mich nicht, da müsste nachgelegt werden mit einer gleichzeitigen Steuerreform und einem Paket für Investitionen. So wie es Obama sich im Ursprung gewünscht hatte.

    Das sich politische Hitzköpfe in den USA gegen Obama stellen nur um den schlecht da stehen zu lassen ist ein Desaster für das Land USA. Es zeigt den Politkern geht es nicht um ihr Land sondern nur um ihre eigene Macht, wie in DL auch.

  • Das wird oft vorgeschlagen. Ich bin nur nicht 100%ig sicher ob Geldschöpfung in den Händen der Politiker wirklich ein so großer Fortschritt ist. Das würde doch sofort mißbraucht und man hätte die ganzen Probleme nur in anderer Form.

  • Dem ist nichts hinzuzufügen, außer daß es die richtige Quintessenz ist! Lauter Theoretiker, die damit Ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und absolut nichts Positives bewirken. Produktive Arbeit und Haushalten sind Fremdwörter für diese Zeitgenossen.

  • Doch, unsere Geldsystem hat ein Korrektiv, dass die exponentielle Kurve dämpft: Regelmäßige Pleiten.

    Und dieses Korrektiv schaltet die Politik konsequent aus! Rette sich wer kann!

  • Wenn man liest, was gemäß dieses Artikels, rennomierte Ökonomen in der aktuellen Situation empfehlen, dann lässt sich nur konstatieren, dass sie wie schon vor der Lejman-Pleite NICHT wissen, wie man die Probleme wirklich lösen und einen erneuten Crash verhindern kann. Ob nun Keynesianer oder Mainstream - es werden genau dieselben Vorschläge gemacht, die schon in den zurückliegenden harten Krisenphasen seit 2007 absolut nichts zum Besseren gewendet haben. Gerade deswegen stehen die Industriestaaten nach unfassbar teuren und unglaublich ineffektiven Stützungsmaßnahmen wieder vor denselben Problemen, auch wenn es diesmal logischerweise die Staaten sind, die in der Schuldenfalle stecken. Man muss sich wundern, dass diese Ökonomen überhaupt noch den Mut haben, immer wieder dieselbe Leier von sich zu geben anstatt sich nur dann öffentlich zu Wort zu melden, wenn sie wirklich auch fundierte neue Vorschläge machen können. So aber stellen sie sich lediglich einmal mehr ein Armutszeugnis aus. Um das zu erkennen, braucht man nicht einmal ein Fachmann sein.

    Liebe Handelsblatt-Redaktion,

    könnten Sie dem Leser hier vielleicht auch einmal Ökonomen vorstellen, die mit neuen Gedanken, Erklärungen und Lösungen aufwarten können oder gibt es die vielleicht gar nicht?

    Freundliche Grüße
    Stefan L. Eichner

  • Solange die USA von der PRIVATEN Federal Reserve bank mit Dollars aus der Luft zu drucken versorgt wird, ändert sich nichts.
    Sollte der Glass-Steagall Act wieder eingeführt werden und die Federal Reserve abgeschafft werden und somit die Geldschöpfung wieder in der Hände der Regierung fallen, dann kann man von Resultaten sprechen, alles andere ist Schönrederei und Aufschub der Explosion der Dollar Blase.

  • Sorry, aber das ist doch lächerlich! Europa wird niemals eine Führungsrolle in der Welt einnehmen. Hier mangelt es schon an den Grundlagen, nämlich an der Fähigkeit mit einer gemeinsamen Stimme sprechen zu können.

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