Nobelpreisträger Robert Mundell beschäftigt sich mit der Mobilität von Kapital – und von Menschen
Wegbereiter des Euros und der Reaganomics

Es war ziemlich spät, und einige Nobelpreisträger waren nicht mehr ganz nüchtern. Robert Mundell musste sich also etwas Besonderes einfallen lassen, um als letzter Redner beim feierlichen Bankett in Stockholm die noble Gesellschaft in seinen Bann zu ziehen. Das gelang dem Preisträger für Wirtschaftswissenschaften mit einer ungewöhnlichen Gesangseinlage.

NEW YORK. Das gelang dem Preisträger für Wirtschaftswissenschaften mit einer ungewöhnlichen Gesangseinlage: „Ich hab’ gelebt, ich hab’ gelacht und geweint“, ahmte Mundell seinen Landsmann Paul Anka nach – um mit dem Titel des von Frank Sinatra unvergesslich interpretierten Songs zu schließen: „I did it my way.“

Damit war durchaus nicht nur seine wissenschaftliche Leistung gemeint, die Mundell zu einem der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Der gebürtige Kanadier wollte zugleich deutlich machen, dass er auch zu seinem exzentrischen Privatleben steht. „Er war aufgeblasen, hatte eine Menge Ärger und war ein Frauenheld“, erinnert sich Douglas North, der 1954 zusammen mit Mundell an der Washington University in Seattle studierte und sechs Jahre vor ihm den Nobelpreis erhalten hatte. Mundell habe in allem, was er tat, über die Stränge geschlagen. „Und das hat einige interessante Resultate gebracht“, sagt North.

Wer Robert Mundell heute in seiner New Yorker Stadtwohnung nahe der Columbia University besucht, findet kaum Hinweise auf seine früheren Exzesse. Ein gediegenes, mit dunklen Holzmöbeln eingerichtetes Arbeitszimmer ist voller Bücher und in Öl gemalter Mundell-Bilder. Der Raum vermittelt eine Atmosphäre von Eitelkeit und Nachdenklichkeit. An einem der wenigen freien Plätze an der Wand hängt ein Bild vom Palazzo Mundell. Jene Villa mit 65 Zimmern auf fünf Stockwerken in der Nähe von Siena, die der Ökonom 1969 als Sicherheit gegen die Inflation für 10 000 Dollar gekauft hat. „Dorthin lade ich jedes Jahr einige Freunde ein, um über Zeitfragen zu diskutieren“, sagt er mit leiser Stimme und einem Lächeln, das Stolz auf den Palast und Sehnsucht nach Italien verrät.

Der gedämpfte Ton entspricht seinem heutigen Wesen. Der 72-jährige Sohn eines kanadischen Feldwebels ist ein freundlicher, fast zurückhaltender Zeitgenosse. Seine Stimme erhebt sich kaum, wenn er etwa die Untätigkeit der Europäischen Zentralbank kritisiert oder eine Einheitswährung für die Welt fordert. Seine ausdrucksstarken Gesichtszüge bleiben weich, sein Wesen gelassen. Wer jedoch seinen leisen Worten lauscht, bekommt eine Ahnung von dem scharfen Intellekt, der sich hinter der milden Fassade verbirgt. „Er ist keine kantige Persönlichkeit, aber er hat einen messerscharfen Verstand“, hat einmal sein langjähriger Freund Michael Walker über Mundell gesagt. Im Gegensatz zum stets korrekt gekleideten US-Ökonomen Paul Samuelson sei Mundell eher der „Rollkragen- und Sandalen-Typ“.

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