Nobelpreisträgerin reagiert auf Flüchtlingspolitik
Wie die rechtspopulistische FPÖ die Atmosphäre vergiftet

Während das Flüchtlingsdrama „Die Schutzbefohlenen“ im Wiener Burgtheater seine Erstaufführung erlebt, hetzt nebenan in der Hofburg der niederländische Rechtspopulist Gert Wilders mit der FPÖ gegen Fremde.
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Wien„Wir sind nicht veranlasst, von niemandem, wir sind nur so da, wir sind einfach nur da, und alle sind tot, wir auch schon bald, Sie werden sehen, freuen Sie sich ruhig zu früh, es ist zwar immer noch Zeit, genug Zeit, sich später zu freuen, denn wer zuletzt lacht, der muss wirklich was zu lachen haben“, rufen die im Wasser watenden Flüchtlinge den Zuschauern im Wiener Burgtheater entgegen.

Im schwarzen, spärlich ausgeleuchteten Bühnenraum prangt ein weiß ausgeleuchtetes, haushohes Kreuz. Das Ensemble bewegt sich schleppend durch das Nass. Der Chor, die Gesichter hinter Plastiktüten versteckt, spricht direkt die Zuschauer an – mal höllisch laut, dann wieder flüsternd. „Wir sind die Unangekündigten.“

Das Flüchtlingsdrama „Die Schutzbefohlenen“ der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, das im Burgtheater am Samstag seine Erstaufführung in Österreich erlebte, klagt die österreichische Flüchtlingspolitik offen an. Die minimalistische Inszenierung des deutschen Regisseurs Michael Thalheimer verstärkt den ohne dichten, wortakrobatischen Text zu einem einzigen J’accuse. Eineinhalb Stunden ohne Pause.

Die in schwarz-weiß gehaltene Anklage im Burgtheater gegen eine zynische Flüchtlingspolitik wie sie in Österreich und anderen EU-Ländern betrieben wird, beeindruckt das Publikum. Wie alt das Flüchtlingsthema bereits ist, zeigt die Tragödie „Die Schutzflehenden“ des griechischen Dichters Aischylos vor zweieinhalbtausend Jahren, auf die Jelinek Bezug nimmt. Schon damals ging es um das Menschenrecht auf Asyl, in diesem Fall von Töchtern des Danaos, die von Ägypten ins griechische Argos fliehen und den dortigen Herrscher Pelasgos in politische Nöte bringen.

Mit ihrem Stück „Die Schutzbefohlenen“ fordert die Nobelpreisträgerin Jelinek Österreich, sogar Europa, heraus. Denn deutlicher und direkter kann ein Theaterstück die praktizierte Flüchtlingspraxis des EU-Mitglieds nicht angreifen. In einem Land, in dem selbst seriöse Zeitungen Artikel mit Überschriften „Weniger sind mehr willkommen“ versehen, rückt Jelinek die Inhumanität und die Verrohung im Umgang mit Schutzsuchenden in ihrer Heimat in den Mittelpunkt. Nicht Betroffenheit, sondern Aktion ist ihr politisches Ziel.

Jelineks Drama besitzt einen ganz konkreten Hintergrund. Es thematisiert den erniedrigenden Kampf von Asylbewerbern zwischen 2012 und 2013 in der österreichischen Hauptstadt um ein Aufenthaltsrecht. Damals flüchten rund 30 Flüchtlinge in die Votivkirche, nur ein paar hundert Meter vom Burgtheater geflüchtet. Nach einem dramatischen Hungerstreik räumt die Polizei mit rüden Methoden das Zeltlager vor der berühmten Kirche. Viele Asylbewerber werden später abgelehnt, andere gehen gar ins Gefängnis.

Österreich betreibt seit Jahren eine rigide Flüchtlingspolitik. Das von einer rot-schwarzen Koalition regierte Alpenland hält so weit wie möglich die Türen für die „Unangekündigten“ (Jelinek) fest verschlossen. Ihr sitzt die rechtspopulistische Opposition im Nacken. Die Atmosphäre für eine liberale Flüchtlingspolitik wird von der rechtspopulistischen FPÖ immer stärker vergiftet.

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Wie die rechtspopulistische FPÖ die Atmosphäre vergiftet

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Elfriede Jelinek: Symbolfigur des Widerstandes

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  • Wir in den nördlichen Gauen träumen nur von einer FPÖ!
    Das HB sollte seiner Nische gerecht werden - Analyse der Rendite einer "Flucht":
    1. Was kosten Schleppung und dessen Finanzierung.
    10,000$ ?

    2. Wie lange ist die durchschnittliche Verbleibedauer der Investoren x durschnittlicher Gewinn im Monat.
    24 Monate ? x Hartz IV (soviel wie Deutsche!)? =

    3. Bereinigt um expected und unexpected Loss (Risikokosten).
    1% bleiben im Meer ?

    Dann würden wir klarer sehen zur Motivation der Investoren.

    Aber so - nirgens Fakten - nur linker Sülz!

  • Die Deutschen lassen sich wirklich von Ihrer Regierung kaputt machen und die "Gutmenschen" klatschen auch noch Beifall... Die eigenen Kinder werden in den Untergang geführt und die "Fremden" werden hofiert... peinlich.

  • https://www.youtube.com/watch?v=wBnYYSDifHs
    Hier die böse Frau aus Frankreich.

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