Nomadenleben in Israel
Von Kamelen, Geländewagen und Solarzellen

Rund 140 000 Beduinen leben in der Negev-Wüste im Süden Israels. Sie wollen wollen nicht so sesshaft werden, wie die Regierung es ihnen vorschreibt: Wie einer von ihnen gegen die Diskriminierung angeht und dabei die Traditionen seiner Ahnen mit Fortschritt verbindet.

WADI NA'AM. Er warnt vor der drohenden Klimakatastrophe, als wäre er ein grüner Politiker oder ein Wissenschaftler mit dem Schwerpunkt Ökologie. Doch Raed al-Mickawi ist weder das eine noch das andere. Der 32-Jährige ist Beduine und damit von Hause aus Umweltexperte: „Wir Beduinen haben da einen reichen Erfahrungsschatz“, sagt er.

Äußerlich hat sich al-Mickawi von der Ursprünglichkeit seiner Vorfahren zwar weit entfernt. Er hat keine Kamele, sondern fährt einen Geländewagen. Er trägt nicht den traditionellen Umhang, sondern T-Shirt und Jeans. Doch an den seit Jahrzehnten überlieferten ökologischen Weisheiten der Beduinen hält er fest. Und als Direktor der Umweltschutz-Gruppe Bustan setzt er sich dafür ein, dass diese bewährten Prinzipien weiterhin angewendet werden.

Der Mann verbindet Moderne und Tradition und hat dabei auch ein übergeordnetes Ziel vor Augen: Er will die Lage der Beduinen, die sich in der Negev-Wüste im Süden von Israel angesiedelt haben, verbessern.

Rund 140 000 Beduinen führen dort ein Leben im Übergang. Sie können nicht mehr wie einst nach Gutdünken umherziehen. Einerseits. Andererseits fühlen sich viele von ihnen auch nicht in den Retortenstädten wohl, in denen sie nach dem Willen der israelischen Regierung sesshaft werden sollen.

Die Hälfte der Beduinen hat das Angebot, sich in einer solchen Stadt niederzulassen, ausgeschlagen. Sie ziehen es vor, in ihren weitläufigen Dörfern zu bleiben, obwohl diese offiziell nicht anerkannt sind und weder mit Wasser noch mit Strom versorgt werden. Der Staat kümmert sich dort nicht um die Infrastruktur. Auf israelischen Landkarten sucht man vergebens nach diesen Beduinendörfern: Sie existieren offiziell nicht. Man erreicht sie auch nur über Schotterpisten mit tiefen Schlaglöchern.

Lagerromantik mag sich in der Wildnis dennoch nicht einstellen, denn die Dörfer sind umgeben von Hochspannungsleitungen und sogar einer Chemiedeponie, wo Israel gefährlichen Müll entsorgt. Schwere Krankheiten treten in der Umgebung dieser Gifthalden daher überdurchschnittlich häufig auf, sagt Scheich Ibrahim, Dorfvorsteher von Wadi Na'am, einem vom Staat nicht anerkannten Dorf mit 3 000 Einwohnern.

„Alles bei uns ist provisorisch“, begrüßt der Scheich Besucher. „Sobald wir etwas Definitives bauen, wird es vom Staat zerstört“, sagt er, während er am Boden sitzend Tee kocht. Derzeit prüfe eine staatliche Kommission die Landansprüche der Beduinen. „Aber ich bin skeptisch, dass sich die Lage für uns ändern wird“, sagt der Scheich.

Wahrscheinlich werden die Beduinen auch künftig ihre Landansprüche nicht durchsetzen können. Doch geht es nach Raed al-Mickawi, sollen sich zumindest ihre Lebensbedingungen an den Orten, die vom israelischen Staat nicht als „legal“ akzeptiert werden, verbessern. Dabei setzt er beispielsweise auf die Sonne als Stromlieferanten. In den Beduinen-Dörfern, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, sorgt al-Mickawi für die Installation von Photovoltaikanlagen. Diese sollen unter anderem den Strom für die medizinische Versorgung liefern – um etwa Insulin kühl aufzubewahren oder Asthmatikern das Betreiben von Inhalationsgeräten zu ermöglichen.

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