Nordkorea-Expertin: „Kim braucht Kaesong“

Nordkorea-Expertin
„Kim braucht Kaesong“

Der Korea-Konflikt schwelt seit Wochen. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass Nordkorea einen Krieg will. Die Provokationen sollen vor allem die Macht von Kim Jong Un festigen – damit er später Reformen durchsetzen kann.
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DüsseldorfAnfang März hat der Uno-Sicherheitsrat neue Sanktionen gegen Nordkorea beschlossen. Das Regime in Pjöngjang antwortete darauf sofort mit der Drohung, die USA mit Atomwaffen anzugreifen. Handelsblatt Online sprach damals mit der Korea-Beobachterin Alexandra Sakaki über die Entwicklungen in Korea. Sie analysierte, die Drohungen sind die „Provokation eines unsicheren und verarmten Landes, das versucht, die internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“. In den darauf folgenden Wochen hat sich der Korea-Konflikt immer weiter zugespitzt, täglich kommen neue Drohungen aus Pjönjang. Die Politikwissenschaftlerin von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin erklärt, wie sich die Lage im vergangenen Monat verändert hat.

Frau Sakaki, vier Wochen sind vergangen seit unserem letzten Gespräch über die Situation in Korea. Seitdem hat sich viel getan: Telefonleitungen werden gekappt, Kim Jong Un spricht immer weitere Drohungen aus, ein neuer Atomtest soll in Planung sein. Vor diesem veränderten Hintergrund die gleiche Frage wie vor einem Monat: Wie ernst sind Nordkoreas Drohungen zu nehmen?

Die Drohungen werden in der Region und in den USA ernst genommen. Ich glaube aber nach wie vor, dass dahinter vor allem politisches Kalkül steckt. Nach innen sollen die Provokationen den Machtanspruch von Kim Jong Un untermauern. Nach außen will man die USA zwingen, an den Verhandlungstisch zu kommen. Man sieht bis jetzt keine massiven Truppenbewegungen innerhalb von Nordkorea, so dass man nicht davon ausgehen kann, dass das Regime tatsächlich einen Krieg plant. Dennoch sind die USA gut beraten, die Drohungen ernst zu nehmen und sich für den Ernstfall zu wappnen.

Ein Beleg dafür, dass die Verwerfungen nicht so groß sind, wie Nordkoreas Drohungen nahelegen, war in den vergangenen Jahren die Industriezone Keasong. Das gemeinsame Wirtschaftsprojekt von Süd- und Nordkorea blieb trotz vieler diplomatischer Krisen aktiv. Nun hat Nordkorea die Zone dicht gemacht. Wie ist dieser Schritt zu deuten?

Es ist eine konsequente Fortsetzung der immer schärfer werdenden Drohungen. In Südkorea verändert sich dadurch der Blick auf den Norden. Vor allem aber ist es ein verwunderlicher Schritt. Denn die Sonderwirtschaftszone Kaesong ist ein wichtiger Arbeitgeber für Nordkorea, etwa 53.000 Nordkoreaner sind dort beschäftigt. Außerdem ist sie ein wichtiger Devisenlieferant. Nordkorea schneidet sich damit ins eigene Fleisch. Ich glaube nicht, dass Nordkorea dauerhaft auf dieses Einkommen verzichten möchte, schlussendlich wird das Interesse Nordkoreas groß sein, dieses Projekt nicht für immer zu begraben. 

Sie hatten erklärt, dass Nordkorea sich aus diesem Kalkül heraus schon seit Jahren zwischen Phasen der Aggression und Phasen der Zugeständnisse bewegt. Warum fallen die Provokationen jetzt so hart aus?

Die täglich schrilleren Provokationen zeigen, wie sehr sich Nordkorea mittlerweile bemühen muss, die Aufmerksamkeit der USA auf sich zu ziehen. Washington ist wie die meisten Beobachter mittlerweile überzeugt, dass Nordkorea das Atomprogramm nicht beenden wird. Wenn man aber darüber nicht verhandeln kann, stellt sich die Frage, über welches Thema man mit Kim Jong Un sprechen soll. Nordkorea sieht keinen anderen Weg als noch stärker zu provozieren, um die Amerikaner wieder an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Wann beginnt die nächste Phase der Zugeständnisse?

Gute Frage. Kaesong ist für Nordkorea so wichtig, dass es sich das Regime nicht leisten kann, sie lange geschlossen zu halten. Zum anderen wurde mit Pak Pong-Ju ein Wirtschaftsreformer zum nordkoreanischen Ministerpräsidenten ernannt. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass über Änderungen im planwirtschaftlichen System in Nordkorea nachgedacht wird. Es ist nicht auszuschließen, dass die jetzigen Provokationen das vorbereiten: Sie sollen Kim Jong Un innenpolitisch stärken, damit er später die Wirtschaftsreformen durchsetzen kann.

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