Nordkorea
Grenzfälle: Immer mehr Nordkoreaner flüchten

Nordkoreas Diktator Kim Jong-Il macht mal wieder Entspannungsübungen. Doch nicht einmal seine Untertanen glauben ihm noch. Weil sie hungern, versuchen immer mehr Nordkoreaner aus ihrem Land zu entkommen. Die Geschichte von Herrn Pak, Herrn Kato und einer dramatischen Flucht.

TOKIO. Die Uhr neben dem Hotelbett zeigt halb ein Uhr nachts, als fünf Männer vom Geheimdienst die Tür aufstoßen und Hiroshi Kato mit Lampen blenden. Zwei der Chinesen treten an sein Bett, während einer von der Tür aus mit der Videokamera filmt. „Sie wissen, warum wir Sie festnehmen. Ziehen Sie sich an!“ sagt der Anführer. Der Geheimdienst beschlagnahmt auch seine Notizbücher und verschleppt ihn in die Provinzhauptstadt Changchun. „Was für Aktivitäten machen Sie in China? Wer sind Ihre Kontaktleute?“ fragen ihn die Männer immer wieder.

Sechs Tage lang halten die Geheimdienstler den Japaner mit einem Querbalken über den Beinen auf einen Stuhl gefesselt. Dort muss er essen und schlafen, erlaubt sind nur Gänge zur Toilette. Wenn er einzuschlafen droht, lassen sie Scheinwerfer über ihm aufflammen. Was Kato aber vor allem Angst macht, ist das Kopfgeld: Nordkorea hat eine Belohnung für seine Auslieferung ausgesetzt. Die Agenten des kommunistischen Staates bieten 30 000 Euro und einen Mercedes. Im Nordosten Chinas ist das ein fantastisches Vermögen. „Wir könnten dich an die Koreaner übergeben, ohne Beweise zu hinterlassen“, drohen ihm die Folterer.

Was aber werfen sie Kato überhaupt vor? Kato soll sich strafbar gemacht haben, weil er sich in den Dienst der Menschlichkeit gestellt hat. Er hat zahlreichen geflüchteten Nordkoreanern geholfen – geflüchtet aus dem eigenen Land. Bei Auslieferung an Nordkorea würde ihm der Tod drohen.

Nordkorea nennt sich „Demokratische Volksrepublik“, doch der Staat in Ostasien ist eine Diktatur, abgeschottet vom Rest der Welt. Zwar vollführt Machthaber Kim Jong-Il seit kurzem mal wieder Gesten der Öffnung. Gerade hat er Chinas Staatschef Wen Jiabao zu Besuch, zuvor hatte er dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton zwei inhaftierte US-Amerikanerinnen überlassen, die über das Schicksal von Flüchtlingen berichten wollten. Familienzusammenkünfte zwischen Nord- und Südkoreanern lässt er wieder in begrenztem Umfang zu. Und die Verhandlungen über das Nuklearprogramm könne man gern wieder aufnehmen, lässt er wissen.

Doch am Alltag im Land ändert sich nichts. Nordkoreas Volk hungert, auch weil Kim Jong-Il die letzten Mittel für den Bau von Atomwaffen einsetzt.

Immer mehr Nordkoreaner halten es deshalb in dem kommunistischen Land nicht mehr aus und fliehen nach China. Über hunderttausend von ihnen führen dort ein Leben im Verborgenen, schätzt Kato. China gesteht ihnen nicht den Status von Flüchtlingen zu. Stattdessen gelten sie dort als illegale Einwanderer. Ihnen zu helfen ist lebensgefährlich.

Kato hatte Glück. Er ist längst wieder zurück in Japan. Wir treffen einen schlanken, feingliedrigen Mann von 64 Jahren mit weißem Haar. Der Ex-Journalist war bei Recherchen in Russland erstmals mit dem Flüchtlingsthema in Berührung gekommen und gründete den „Überlebensfonds für nordkoreanische Flüchtlinge“. Das war 1998, seine Verhaftung erfolgte vier Jahre später.

Seine Marter endete nach sechs Tagen. Plötzlich brachten ihn die Geheimdienstleute zum Flughafen und schickten ihn nach Japan zurück. Während er in China festgehalten wurde, war in seiner Heimat eine Medienkampagne angelaufen. Kato hatte mit anderen Mitgliedern seiner Organisation vereinbart, sich dreimal täglich zu melden. Nachdem sein Anruf zweimal ausgeblieben war, beriefen Freunde eine Pressekonferenz ein: „Japaner in China verschwunden!“ Das japanische Außenministerium intervenierte in Peking – erfolgreich.

In China riskieren seither andere ihr Leben für die nordkoreanischen Flüchtlinge. Doch ihre Lage hat sich verschärft. Die beiden kürzlich freigelassenen US-Journalistinnen haben schlafende Hunde geweckt. Die zwei Frauen machten die Frage durch ihren Grenzübertritt zum Politikum.

Das hat Nordkoreas Machthaber nicht vergessen.

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