Nordkoreas Kalkül des geht aber auf
Kim zielt ins All – und trifft ins Wasser

Die Aufregung rund um den Globus ist groß – doch offenbar hat Nordkorea statt eines Satelliten nur einen Propaganda-Coup gestartet. Trotz des Fehlschlags geht Kims außenpolitisches Kalkül auf: Mit der Demonstration seines Raketenpotenzials hat er die volle Aufmerksamkeit von US-Präsident Barack Obama gewonnen.

TOKIO. Nach eigenen Angaben feuerte das isolierte, kommunistische Land am Sonntag eine Langstreckenrakete ab, die über Japan hinweg geflogen sei und einen Satelliten erfolgreich in eine Erdumlaufbahn gebracht habe. Von dort aus würde er Revolutionslieder zu Ehren von Staatsgründer Kim Il-sung und seinem Sohn, Führer Kim Jong-il, ausstrahlen. Doch das scheint eine Propaganda-Lüge zu sein.

Nach den Beobachtungen der US-Armee sind nicht nur die erste und die zweite Stufe der Rakete ins Meer gefallen, wie das bei einer Langstreckenrakete üblich ist. Auch die dritte Trägerstufe mit dem angeblichen Satelliten an der Spitze stürzte in den Pazifik. Im Orbit sei nichts angekommen, erklärte Südkoreas Verteidigungsminister Lee Sang-Hee.

Damit bleibt vorerst offen, welche Seite mit ihrer Interpretation des Raketenstarts Recht hat. Nordkorea hatte den Start damit gerechtfertigt, dass es ein Recht habe, den Weltraum friedlich zu erkunden. Es gehe nur darum, einen Satelliten ins All zu tragen. Die USA, Japan und Südkorea sahen in dem Abschuss dagegen den Test einer ballistischen Waffe. Weil Aussage gegen Aussage steht und das Corpus Delicti unerreichbar in ein paar tausend Meter Wassertiefe liegt, dürfte es trotz der internationalen Empörung schwer fallen, das Kim-Regime hart zu bestrafen. Nordkorea hat zwar formal gegen die Uno-Resolution 1718 verstoßen, die dem Land jede Aktivität mit ballistischen Raketen strikt untersagt. Aber China und Russland werden im Uno-Sicherheitsrat auf mildernde Umstände plädieren: Nordkorea habe den Raketenstart angekündigt und über den Zeitpunkt des Abschusses und die Flugbahn des Projektils ausführlich informiert.

Trotz des Fehlschlags geht Kims außenpolitisches Kalkül auf: Mit der Demonstration seines Raketenpotenzials hat er die volle Aufmerksamkeit von US-Präsident Barack Obama gewonnen. Kim will Obama zu direkten Verhandlungen bewegen, die Sechsergespräche mit den Nachbarländern sollen aufhören. Auf der Wunschliste von Kim stehen die diplomatische Anerkennung, massive Wirtschaftshilfe, ein Friedensvertrag für den Koreakrieg und der Abzug der US-Truppen aus Südkorea. Pjöngjang nutze bewusst die „goldene Gelegenheit“ der Übergangszeit aus, bis das außenpolitische Team von Obama seine Nordkorea-Politik ausformuliert habe, sagte der südkoreanische Politologe Paik Hak Soon vom privaten Sejong-Institut bei Seoul.

Die Verbesserung der Raketentechnologie sei aber auch Teil der nordkoreanischen Nuklearambitionen, warnte Paik. Atomwaffen ohne effektive Trägersysteme wären als Abschreckung wirkungslos. Raketen waren in der Vergangenheit zudem ein wichtiges Exportgut des Landes, das weitgehend von allen wichtigen Handelsströmen abgeschnitten ist. Auch gibt es in den USA seit längerem Befürchtungen, dass Iran und Nordkorea, die beide wegen ihrer Atomprogramme im Streit mit der internationalen Gemeinschaft liegen, bei der Raketentechnologie zusammenarbeiten.

Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung hat Kim offenbar gepunktet. Der Diktator verfolgt seit einem Jahrzehnt eine Politik des „Militär zuerst“. Nach deren Logik müssen die Menschen seines Landes hungern und frieren, damit die Armee aufrüsten und das Land verteidigen kann. Ab und an muss die Führung aber dem Volk öffentlich beweisen, dass sich das Leiden lohnt und der übermächtige Feind USA heroisch abgeschreckt werden kann. Die Propaganda wird diesen „Satellitenstart“ deshalb genauso feiern wie den Atomtest vor zweieinhalb Jahren, um den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken.

Seinen inneren Machtzirkel kann Kim nicht so leicht beeindrucken. Nach seinem mutmaßlichen Schlaganfall im Sommer hält der Führer die Schalthebel der Macht zwar wieder in der Hand. Doch trotz seiner gesundheitlichen Probleme konnte er bisher keinen seiner Söhne als Nachfolger konsensfähig machen. Nun hat Kim durch den Raketenpoker seiner persönlichen Machtbastion, dem Militär, einen Gesichtsverlust zugefügt: Trotz drei Probeschüssen in elf Jahren funktioniert diese Waffe immer noch nicht.

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