Nordrussland
Zwischen Volksfeinden und Bücherverbrennung

In Russlands Regionen nimmt die ideologische Auseinandersetzung teils groteske Formen an. Die Behörden lassen Bücher verbrennen, die aus der amerikanischen Soros-Stiftung stammen. Die Aktion ist umstritten.

MoskauIn der nordrussischen Teilrepublik Komi sind Dutzende Bücher, die unter Mithilfe der Soros-Stiftung „Open Society“ herausgegeben wurden, auf dem Scheiterhaufen gelandet. Hunderte wurden aus den örtlichen Bibliotheken entfernt. Auf der Verbotsliste tauchten klassische Lehrbücher russischer Wissenschaftler auf, nach denen an vielen russischen Universitäten immer noch gelehrt wird.

Die Büchervernichtung geht auf eine Initiative des Präsidentenvertreters für Nordwestrussland, Andrej Trawnikow, zurück. In einem Brief an die stellvertretende Regierungschefin der Republik Komi, Tamara Nikolajewa, bat er darum, Bücher, die mit Geld der Soros-Stiftung gedruckt wurden, ausfindig zu machen und aus dem Verkehr zu ziehen, da sie „unter jungen Menschen eine verzerrte Wahrnehmung der vaterländischen Geschichte formieren und Werte popularisieren, die der russischen Ideologie fremd sind“.

Nach Angaben des regionalen Bildungsministeriums wurden daraufhin in der staatlichen Technischen Universität der Erdölstadt Uchta 413 Bücher zur Entsorgung empfohlen, im polytechnischen Technikum von Workuta 14. Im Bergbau- und Wirtschafts-College der Stadt, die einst als Zentrum der Gulag-Industrie bekannt war, wurden 53 Bücher bereits auf dem Hinterhof verbrannt. Informationen des örtlichen Internetportals „7x7“ zufolge sind die „Soros-Bücher“ auch in der Bibliothek der Komi-Hauptstadt Syktywkar aus den Regalen verbannt worden.

Die Stiftung „Open Society“ existierte in Russland seit 1995 und unterstützte Programme in den Bereichen Bildung, Kultur, Medizin und Zivilgesellschaft. 2013 stellte der Fonds seine Tätigkeit nach der Verschärfung des NGO-Gesetzes ein. 2015 landete die Stiftung auf der „patriotischen Stopp-Liste“ des russischen Föderationsrats und wurde von der Generalstaatsanwaltschaft „unerwünschter ausländischer Agent“ eingestuft. George Soros selbst ist Unterstützer der Maidan-Revolution in der Ukraine und gilt als Gegner von Kremlchef Wladimir Putin.

Trotzdem regt sich Widerstand gegen die Aktion. „Die Lehrbücher hat doch Soros nicht selbst geschrieben, sondern russische Autoren, die anschließend sorgfältig von russischen Wissenschaftlern ausgewählt wurden“, sagte einer der Betroffenen, Lew Jakobson, Prorektor der Moskauer Higher School of Economics, gegenüber der Internetzeitung gazeta.ru.

Gesamtfläche: 17.098.200 qkm
Einwohner: 143,3 Millionen (Stand: 2013)
Staatsform: Präsidialrepublik
Hauptstadt: Moskau

Mitgliedschaften: G8, G20, GUS, OSZE, Uno
Währung: 1 Rubel (Rbl) = 100 Kopeken

Gasproduktion: 654,5 Milliarden Kubikmeter (Stand: 2102)
Erdölproduktion: 517,9 Millionen Tonnen(Stand: 2102)
Rohstoffe: Erdgas, Erdöl, Kohle, Torf, Palladium, Platin, Rhodium, Bauxit, Kobalt, Kupfer, Diamanten, Gold, Eisenerz, Glimmer, Nickel, Zinn

Inflationsrate

von 2004 bis 2014* (gegenüber dem Vorjahr) in Prozent

Wichtigste Importländer

im Jahr 2012, in Prozent

Haushaltssaldo

von 2004 bis 2014 in Relation zum Bruttoinlandsprodukt(BIP)*

Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts

von 2004 bis 2014 (gegenüber dem Vorjahr)

In den 90er Jahren habe die Soros-Stiftung viel zum Überleben der russischen Wissenschaft beigetragen, pflichtet ihm Wladimir Mironow, Dekan der Fakultät für Philosophie an der Moskauer Lomonossow-Universität, bei. „In der Zeit gab es große Probleme mit der Herausgabe von Büchern, darum haben sich viele an die Soros-Stiftung gewandt“, sagte er.

Selbst Alexander Tarnawski, als Duma-Abgeordneter einer der Initiatoren des Gesetzes über „unerwünschte ausländische Agenten“, kritisierte die Bücherverbrennung in Komi als „Übertreibung“. Da hätten regionale Beamte wohl versucht, sich hochzudienern, meinte er.

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