Notoperationen
Wie andere Länder ihren Banken aus der Klemme helfen

Als sich die Konjunktur verschlechterte, standen viele Institute am Rande des Ruins: Anfang der neunziger Jahre war das schwedische Finanzsystem dem Kollaps nahe. Doch die schwedischen Institute wurden durch eine umfassende Ursachenforschung und eine generelle Bankgarantie gerettet. Heute stehen die meisten Banken, anders als in Deutschland, gut da.

STOCKHOLM. Als die schwedische Zentralbank am 17. September 1992 nach wochenlangen Währungsspekulationen gegen die Krone den Leitzins auf 500 Prozent erhöhte, war das Finanzsystem in Schweden dem Kollaps nahe. Die Banken und Finanzierungsgesellschaften hatten über Jahre leichtfertig Immobilienkredite vergeben, eine Risikoprüfung der Kreditnehmer fand nach der Deregulierung der Finanzmärkte Mitte der 80er-Jahre und einer mehrjährigen Hochkonjunktur in Nordeuropa kaum noch statt.

Als sich die Konjunktur verschlechterte, standen viele Institute am Rande des Ruins. Denn die Schulden der schwedischen Bank- und Finanzkonzerne hatten sich in kurzer Zeit auf 175 Mrd. Kronen (heute rund 19 Mrd. Euro) erhöht. "Unser Glück bestand darin, dass der Staat bei den ersten Anzeichen der Krise sehr schnell reagierte", sagt Lars Rutberg, Jurist bei der schwedischen Bankenvereinigung. Ein Vorteil sei es auch gewesen, dass sich die damals größte schwedische Bank, Nordbanken, überwiegend in staatlichem Besitz befunden habe, sagte Rutberg.

Die damalige bürgerliche Regierung berief einen "Krisenstab Banken" zusammen. "Als erste Maßnahme wurde den schwer angeschlagenen Instituten finanziell unter die Arme gegriffen", erinnert sich Rutberg. Noch wichtiger schätzt er aber die generelle Bankgarantie ein, mit der das schwedische Kredit- und Zahlungssystem vor dem endgültigen Kollaps gerettet werden sollte. Auch galt es, ausländische Investoren und Kreditgeber zu beruhigen. Faule Kredite der Banken wurden in staatlich kontrollierte Abwicklungsgesellschaften eingebracht. Im Rückspiegel betrachtet, sagt Rutberg, haben die staatlichen Verwalter sogar gut gearbeitet. Dennoch riss das staatliche Krisenmanagement ein stattliches Loch von etwa 65 Mrd. Kronen in den öffentliche Haushalt. Heute hat Schweden die Bankenkrise hinter sich gelassen und ist bislang nicht vom Subprime-Debakel betroffen. Eine permanente "Task Force", die bei Alarmsignalen eingreifen könnte, ist nicht gebildet worden. Im Finanzministerium baut man auf die während der Krise gemachten Erfahrungen.

Die Ursachenforschung war dagegen umfassend: In der Deregulierungssphase der Finanzmärkte in Nordeuropa wurden auch wegen der Annäherung an die EU die restriktiven Valuta-Beschränkungen gelockert, der grenzüberschreitende Kapitalverkehr liberalisiert, ohne dass das Steuersystem verändert wurde. In Schweden konnten damals bis zu 50 Prozent der Kreditzinsen vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden. "Es herrschte so etwas wie Klondike-Stimmung auf dem Kreditmarkt", sagt ein schwedischer Banker. Denn zusätzlich machte auch eine hohe Inflationsrate in Schweden die Verschuldung noch lukrativer. Allein zwischen 1987 und 1993 wurden in Schweden Immobilien im Wert von 400 Mrd. Kronen gebaut. Die meisten von ihnen waren bis unter den Dachfirst beliehen. Als sich die Konjunktur verschlechterte, saßen die Banken auf Problemkrediten mit einem Volumen von knapp 200 Mrd. Kronen.

"Es waren lehrreiche Jahre", sagt Rutberg. Dennoch glaubt er nicht, dass man das "schwedische Sanierungsmodell" so einfach auf andere Länder übertragen kann. "Die Weltkonjunktur verbesserte sich damals schnell wieder und half uns, weil die Zinsen sanken und die Banken eine Atempause bekamen." Außerdem, so sagt der Jurist, gibt es heute starke Vorbehalte der EU gegen staatliche Stützungsmaßnahmen. Dennoch hält er schnelles staatliches Eingreifen für eine effektive Schadensbegrenzung.

Die meisten Finanzkonzerne stehen heute sehr gut da. Die Krise löste einen Rationalisierungseifer aus, schärfte den Kreditvergabe-Sinn und führte zu einer Konsolidierungswelle in der nordeuropäischen Bankenlandschaft. Derzeit bereitet die schwedische Regierung ihren Ausstieg aus der größten nordeuropäischen Bank Nordea vor, an der sie knapp 20 Prozent hält. Der Verkauf soll bis Ende 2008 über die Bühne gehen. Ein Störfaktor könnte allenfalls die Verschärfung der Kreditkrise sein.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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