NRF könnte zum Politikum werden
Nato-Eingreiftruppe muss abspecken

Die Schnelle Eingreiftruppe der Nato soll verkleinert werden. Dies erfuhr das Handelsblatt unter Berufung auf den Nato-Militärausschuss in Brüssel. Auf Nato-Generalsekretär Scheffer kommt nun die schwierige Aufgabe zu, den aus der Not geborenen Umbau der NRF zu erklären.

BRÜSSEL. Die Nato will ihre Schnelle Eingreiftruppe deutlich und dauerhaft verkleinern. Darauf einigte sich nach Informationen des Handelsblatts das höchste militärische Gremium des Bündnisses, der Militärausschuss. Die Alliierten seien wegen der Einsätze in Afghanistan und auf dem Balkan nicht mehr in der Lage, ihre Zusagen für die Nato Response Force (NRF) einzuhalten, hieß es nach einer Tagung des Ausschusses in Victoria (Kanada). Deshalb sei es erforderlich, die geplante Truppenstärke von maximal 25 000 Soldaten zu reduzieren. Wie weit die NRF abgespeckt werden muss, blieb offen.

Der Nato-Oberbefehlshaber für Europa, US-General John Craddock, wurde beauftragt, ein Konzept für den Umbau zu erarbeiten. Es soll beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister Ende Oktober im niederländischen Noordwijk vorliegen und könnte beim nächsten Gipfel im Frühjahr 2008 in Bukarest beschlossen werden. Für die Umsetzung ist die Zustimmung aller 26 Nato-Staaten nötig. Die NRF ist kein stehender Verband, sondern wird für jeweils sechs Monate aus nationalen Kontingenten zusammengestellt. Dies macht die Truppe flexibel, erschwert aber auch den nun geplanten Umbau.

Die bisherige Lage sei nicht mehr haltbar, sagte ein Nato-Diplomat. Obwohl die vor fünf Jahren gegründete NRF erst Ende 2006 offiziell für voll einsatzfähig erklärt worden war, fehlt es an Soldaten und Kriegsmaterial. Experten schätzen, dass derzeit nur rund 50 Prozent der Sollstärke erreicht werden. Craddock hatte in einem Brief an Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer auf das Problem aufmerksam gemacht und drei Optionen zu seiner Lösung empfohlen. Wenn nichts geschehe, drohe der Truppe das Aus, warnte Craddock (Handelsblatt vom 27. August).

Der Militärausschuss suchte nun nach Auswegen. Die „Chiefs of Defense“ kamen nach Informationen des Handelsblatts zu dem Ergebnis, dass die NRF abgespeckt werden müsse. Die Wahl fiel auf Option zwei, die eine dauerhaft schlankere Streitkraft („permanent leaner force“) bei Wahrung der ursprünglichen Ziele vorsieht. Die Eingreiftruppe soll also trotz der Abmagerungskur auch künftig in der Lage sein, Kriseninterventionen und Anti-Terror-Einsätze rund um den Globus zu leisten. Wie dies mit verringerter Sollstärke möglich wäre, soll Craddock in den nächsten Wochen klären.

Die endgültige Entscheidung werde erst beim Gipfel in Bukarest fallen, heißt es in Brüssel. Dennoch ist klar, dass das Bündnis nicht zu seinen ursprünglichen, hochfliegenden Plänen zurück kann.

Vor allem die USA sind wegen der Kriege im Irak und in Afghanistan nicht mehr bereit, Truppen monatelang an die NRF zu binden – zumal die Eingreiftruppe noch nie für militärische Zwecke eingesetzt wurde. Auch andere Länder haben Probleme, ihre Zusagen einzuhalten. Deutschland gehört jedoch nicht zu den Nachzüglern.

Auf Nato-Generalsekretär Scheffer kommt nun die schwierige Aufgabe zu, den aus der Not geborenen Umbau der NRF zu erklären. Bisher tut er sich mit der Kommunikation schwer. Auf Anfrage verweigerte Scheffer jeden Kommentar. Auch der Militärausschuss hält sich bedeckt. Die Top-Militärs aus 26 Nato-Ländern hätten bei ihrem Treffen in Kanada „Ideen ausgetauscht“, wie die Nato-Bereitschaftstruppen „zugeschnitten und auf Dauer gestellt“ werden könnten, heißt es lapidar in einer Pressemitteilung. Politische Entscheidungen seien nicht getroffen worden, betonte ein Sprecher.

Die NRF könnte jedoch zum Politikum werden. Die USA drängen darauf, die Eingreiftruppe als Reserve in Afghanistan einzusetzen. Deutschland und andere Alliierte lehnen dies bisher strikt ab.

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