Nuklearstreit
Die Bevölkerung stützt Teherans Politik

„Das ist doch unser Recht“, sagt der 17-jährige Fuad, ohne zu zögern. „Irgendwann geht das Öl zu Ende, dann brauchen wir die Atomkraft.“ Fuad hat gerade sein Abitur gemacht und bereitet sich nun auf die Aufnahmeprüfung an der Teheraner Universität vor. Kunst will er studieren, seinem Geist freien Lauf lassen. Und eine Meinung haben.

HB TEHERAN. Zu seinem Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad hat er sie schon jetzt: „Ich akzeptiere ihn nicht, weil er unser Land in Frage stellt und die ganze Welt gegen uns aufbringt.“ Aber auf die Atomkraft verzichten? „Bevor wir zur Kolonie werden, ertrage ich lieber Sanktionen.“

Damit steht Fuad nicht allein. Wohl eine Mehrheit der Hauptstädter zieht eine feine Linie zwischen der Atomfrage und der Person des Präsidenten. Während die Reden gegen Israel und Ahmadinedschads gesamtes Auftreten mindestens hochgezogene Augenbrauen provozieren, wollen im Atomkonflikt wenige nachgeben – zumindest jetzt noch nicht.

„Wenn viele andere Nachbarländer die Atomkraft oder sogar die Bombe haben, warum soll das dann uns verweigert werden?“ sagt Negar, Studentin der Innenarchitektur. Dass die Haltung des Auslands mit mangelndem Vertrauen in Irans Führung zu tun hat, lässt sie nicht gelten. „Sie meinen seine Äußerungen zu Israel – das waren doch nur Parolen.“

Die Atomfrage sei eine Angelegenheit des nationalen Stolzes geworden, erläutert Sabah Zanganeh, politischer Analyst mit guten Kontakten zur neuen Politikerriege. Das sehen inzwischen auch weltläufige Beobachter in Iran so. Es geht ums Prinzip. Und ein Ausweg, bei dem das Gesicht gewahrt wird, ist aus iranischer Perspektive nicht zu sehen. Das gilt auch für den Vorschlag, das Uran in Russland anreichern zu lassen. Für viele Iraner wäre das eine Demütigung: dass die Welt den Russen mehr vertraut als ihnen.

Das Thema läuft seit Monaten in den Nachrichtenprogrammen des Landes rauf und runter. Der Atomunterhändler Ali Laridschani gibt Pressekonferenzen, in denen er die „rote Linie“ mal hin-, mal herschiebt. Auch gemäßigte Geister wie Ex-Präsident und Wahlverlierer Haschemi Rafsandschani stoßen ins nationale Horn. „Nicht weise und schrecklich“ nannte er die Vorentscheidung, den Uno-Sicherheitsrat mit dem Thema zu befassen. Und am Schrein des Imam Khomeini, an dessen Grabstätte gerade des 27. Jahrestages der Revolution gedacht wurde, drohte er: „Der Westen ist vielleicht in der Lage, uns Ärger zu machen, aber Ärger machen können wir auch.“

Konkret wie noch nie kursierte gestern das Gespenst von Sanktionen in Teheran. Welche Sanktionen, wann, wie lange. Manche reagieren mit Fatalismus („Wir werden uns auch daran gewöhnen!“), andere ängstlich („Wie soll ich fahren, wenn das Benzin teurer wird?“). Tatsächlich ist das eine der empfindlichsten Stellen. Das ölreiche Land muss einen Großteil des Sprits im Ausland raffinieren lassen. In einer Metropole wie Teheran wären Benzin-Engpässen oder empfindliche Verteuerungen eine Katastrophe. Lohnt sich dafür der Prinzipienstreit? „Unser Öl hat den Armen auch nicht geholfen“, sagt die Studentin Negar mit nachdenklicher Miene. „Warum sollte das mit der Atomkraft eigentlich anders sein?“ Und am Ende sagt auch Fuad: „Wenn es deshalb Krieg geben sollte, dann bin ich nicht dabei.“

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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