Eine Karriere ohne Militärdienst? Was vor 20 Jahren unmöglich war, ist heute zu einem Stück Normalität geworden. 60 Jahre nach Gründung Israels fühlen sich viele Jugendliche ihrem Staat nicht mehr verpflichtet, es breitet sich Wehrmüdigkeit aus – ein Symbol für den Wandel des Landes.
TEL AVIV. Sie sind jung, sie sehen blendend aus, und sie wollen berühmt werden. Daniel Ben-Chaim, Marina Maximilian, Doron Rokach und Adir Ohaion sind vier von über einem Dutzend Kandidaten in der TV-Casting-Show „Kochav Nolad“ – „Ein Star wird geboren“–, Israels Version von „Deutschland sucht den Superstar“. Und außer dem Wunsch nach einer Karriere im Show-Business eint die vier noch etwas: Sie waren nie beim Militär.
Daniel ließ sich ausmustern, weil er sich als orthodox bezeichnet – was ihn aber nicht daran hindert, am Sabbat, dem für religiöse Juden heiligen Ruhetag, zum Vorsingen im Fernsehen anzutreten. Marina wurde aus „persönlichen Gründen“ von der Armee freigestellt. Die beiden anderen Star-Kandidaten, die aussehen wie das blühende Leben, hatten „gesundheitliche Probleme“, sagen sie.
Vor 20 Jahren wären sie gesellschaftliche Außenseiter gewesen. Ob Show-Business oder Industrie: Eine Karriere hätte jeder der vier ohne Militärdienst vergessen können.
Und heute? Zum Entsetzen von Regierung und Armee zucken viele Israelis nur noch mit den Schultern, wenn sie hören, dass Männer nicht die obligatorischen drei Jahre und Frauen nicht ihre zwei Jahre in olivgrüner Kluft abgeleistet haben.
60 Jahre nach seiner Gründung durch die Unabhängigkeitserklärung unter David Ben Gurion am 14. Mai 1948 wird Israel mehr und mehr zu einem Land wie fast jedes andere der westlichen Welt.
In sechs Kriegen hat Israels Armee das Land gegen seine arabischen Nachbarstaaten immer wieder verteidigt, 20 000 israelische Soldaten fielen seit 1948. Nun schwindet das Gemeinschaftsgefühl mehr und mehr. „Die Gruppe zählt nichts mehr, stattdessen gilt nur noch das Individuum“, beklagen Offiziere.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Gründe für den Wertewandel.
Michal Harel kann den Wertewandel bestätigen. Die 22-Jährige kümmerte sich bei der Armee als Sozialarbeiterin um Soldaten: „Unsere Generation fühlt sich dem Staat wohl nicht mehr so verbunden wie frühere. Vielleicht liegt es daran, dass der Zionismus als treibende gesellschaftliche Kraft für uns einfach nicht mehr die Bedeutung hat wie für die Gründergeneration.“ Die Statistik unterstreicht das: 26 Prozent eines Jahrgangs werden laut Armee nicht mehr eingezogen. Vor weniger als zehn Jahren waren es 17 Prozent. 2007 wurden so wenig Rekruten wie seit Jahren nicht mehr eingezogen.
Aber es gibt noch andere Zahlen, die Israels Offizieren Sorge bereiten. Knapp 20 Prozent der Rekruten beenden ihren Wehrdienst vorzeitig – wegen psychischer oder physischer Probleme. So wie Amitai aus Tel Aviv: „Ich habe die Tauglichkeitsstufe 21 – laut Armee bin ich damit geisteskrank“, sagt er grinsend. Nach kaum vier Monaten Wehrdienst wurde er entlassen. „Dabei leide ich nur seit meiner Kindheit unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS. Ein kleines Drogenproblem und die Weigerung, die vom Armeepsychiater verschriebenen Tabletten zu nehmen, reichten, und schon war ich draußen.“ Heute entwickelt er erfolgreich Videospiele für Mobiltelefone. Berufliche Nachteile aufgrund seiner kurzen Militärzeit erwartet er keine: „In der High-Tech-Branche ist das kein Thema.“
Auch Stav, Amitais ältere Schwester, verließ die Armee nach kurzer Zeit. Sie sei Pazifistin, sagt die Studentin der Filmwissenschaften: „Ich habe mich geweigert, eine Waffe zu benutzen. Meine Vorgesetzten versuchten eine Zeit lang, mich zu überreden, aber ohne Erfolg.“ Nach wenigen Wochen wurde sie entlassen und leistete Zivildienst in einer Einrichtung für geistig Behinderte.
Israels High-Tech-Streitkräfte brauchen natürlich nicht mehr jeden, und Null-Bock-Rekruten sind eher eine Belastung für die Truppe. Zudem steht die Mehrheit junger Israelis Umfragen zufolge hinter der Armee. Auch stellt kaum ein Israeli die 9,4 Milliarden Dollar, die das Land pro Jahr für Verteidigung ausgibt – 7,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts –, angesichts der Bedrohung durch Staaten wie Syrien infrage.
Dennoch hat das Image der Armee stark gelitten – besonders seit dem nicht gerade mit Glanz und Gloria geführten Libanon-Krieg im Sommer 2006. Damals gelang es Israels Armee nicht, die Freischärler der Hisbollah in die Schranken zu weisen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Kritik an der Kriegsführung.
Die zum Teil beißende Kritik an der Kriegsführung machte manchen Offizier nervös. Damals sorgte Generalleutnant Elazar Stern, so etwas wie der Personalchef der Streitkräfte, für Aufregung: Er wies darauf hin, dass von den 119 gefallenen israelischen Soldaten im Libanon nur drei aus Tel Aviv, Israels zweitgrößter Stadt, kamen. Stern sah dies als Beweis dafür, dass sich Jugendliche aus Tel Aviv überdurchschnittlich oft vor dem Militärdienst drücken oder einen bequemen Posten in der Armeeverwaltung suchen. Und überhaupt sei Israels Jugend „zu soft“.
Damit habe es sich Stern zu einfach gemacht, sagen viele Israelis. Der Wertewandel sei eine Sache, die Vertrauenskrise eine andere. Die Bereitschaft der Israelis, Jahre ihres Lebens – und nicht selten ihr Leben – zu opfern, ist eng gekoppelt an das Vertrauen in die politische Führung. Doch schlampig ausgeführte Waffengänge wie im Libanon oder Spitzenpolitiker unter Korruptionsverdacht wie jüngst Ministerpräsident Ehud Olmert unterminieren das Vertrauen in die Armee mit ihren 168 000 Soldaten.
Noch etwas verärgert viele Israelis: die Vorzugsbehandlung orthodoxer Jugendlicher: Sie müssen keinen Militärdienst leisten. Im Juli 2007 verlängerte das Parlament die Ausnahmeregelung um fünf Jahre. „Wir sind doch nicht die Trottel der Nation“, schrieb daraufhin der stellvertretende Bataillonskommandeur Gil Bickel an die Abgeordneten der Knesset – und schickte seine militärischen Abzeichen zurück: „Ich werde nicht mehr zu meinen Reserveübungen erscheinen und wenn ich dafür ins Gefängnis muss.“ Der 37-Jährige hat 16 Jahre seinen Dienst geleistet und wurde dafür wie fast alle der 450 000 Reservisten jedes Jahr für bis zu 45 Tage für Übungen aus seinem Berufsleben gerissen.
Die Armee geht nun in die Offensive – auf ihre Art. Sie plant eine moderne Tanztruppe, die potenzielle Verweigerer zum Ableisten des Militärdienstes motivieren will. Bei so viel Aktionismus würde es auch niemanden wundern, wenn Israels Streitkräfte bald auch in TV-Casting-Shows um Rekruten buhlen würden.

