Nur Randnotiz in den Zeitungen
Viele Italiener bekommen Schröders Ärger gar nicht mit

Die vielen Italiener, die sich ausschließlich über die von Ministerpräsident Silvio Berlusconi kontrollierten TV-Sender informieren und die Zeitungen nicht ganz genau lesen, haben Pech.

HB/dpa ROM. Die vielen Italiener, die sich ausschließlich über die von Ministerpräsident Silvio Berlusconi kontrollierten TV-Sender informieren und die Zeitungen nicht ganz genau lesen, haben Pech: Denn sie bekommen das Ausmaß der Verärgerung in Deutschland über die Schimpftiraden des Tourismus-Staatssekretärs Stefano Stefani gar nicht mit. Den großen TV-Sendern war etwa die Drohung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, auf seinen geplanten Italien-Urlaub zu verzichten, bestenfalls eine Randnotiz wert. Auch die meisten Dienstagzeitungen übten sich in Selbstzensur und widmeten der Eskalation in den italienisch-deutschen Beziehungen keinen breiten Raum.

Von den größeren Tageszeitungen machte nur die linksgerichtete „L'Unita“ mit dem Thema auf - und schoss mit der Schlagzeile gleich etwas übers Ziel. „Schröder zu den Deutschen: Kein Urlaub in Italien“, lautete sie. Zwischen Italien und Deutschland gebe es eine „bisher nie da gewesene Krise“, hieß es weiter.

Die anderen großen Zeitungen trauten sich nicht, das Thema als Aufmacher zu behandeln - selbst die regierungskritische „La Repubblica“ beschränkte sich auf einen Mini-Hinweis auf Seite eins. Im Innenteil schrieb sie immerhin davon, dass „die Flammen zwischen Italien und Deutschland wieder ausgebrochen sind“.

40 Prozent der Italien-Urlauber kommen aus Deutschland

Den anderen Blättern, die den Streit möglichst klein spielten, bereitete zumindest der wirtschaftliche Aspekt des Streits Sorgen. 40 Prozent der Italien-Urlauber kämen aus Deutschland, konnte man lesen. Über neun Millionen Deutsche würden jedes Jahr nach Italien kommen - das sind deutlich mehr als die von deutschen Statistiken ausgewiesenen 5,2 Millionen Italien-Urlaubern im Jahr 2002.

Erst wenn Schröder seine Drohung wahr machen sollte, dürfte die deutsche Verärgerung über den Rundumschlag von Stefani die Schlagzeilen erobern. Stefanis Beschreibung der Deutschen als rülpsenden Pöbel, der einen Intelligenztest nötig hätte, war im eigenen Land nach dem Eklat Berlusconis im Europa-Parlament zuerst völlig untergegangen.

Tourismus-Staatssekretär war bisher unbekannt

Zum einen war der Tourismus-Staatssekretär bisher seinen Landsleuten unbekannt - zum anderen erschienen seine Beschimpfungen in der Tageszeitung „La Padania“, dem kaum gelesenen Hausblatt der Lega Nord. Sie ist nur für ihre deftige Wortwahl gegen politische Gegner bekannt. So dauerte es ganze drei Tage, bis der am Freitag erschienene Stefani-Artikel am Montag die zweite Runde im diplomatischen Konflikt zwischen Deutschland und Italien einläutete.

Den Grundstein für die zweite Runde hatte eigentlich schon Ministerpräsident Berlusconi gelegt - denn er hatte es nach dem Eklat im Europaparlament für nötig gehalten, auf Schröders Nase herum zu tanzen. Während Schröder nämlich verkündete, die „Entschuldigung“ Berlusconis für den gegen den SPD-Europaabgeordneten Martin Schulz gerichteten Nazi-Vergleich akzeptiert zu haben, verkündete Berlusconi keck, er habe sich ja gar nicht bei Schröder entschuldigt.

Berlusconi will sein Medienimperium ausbauen

Auch Stefani ließ es sich nicht nehmen, gleichzeitig Schröder zu einem Italien-Urlaub einzuladen und Schulz wieder zu verunglimpfen. „Ich fühle mich wohl mit Deutschen, die nicht so wie Schulz sind“, sagte er. Berlusconi selbst hielt sich im Fall Stefani übrigens auffallend zurück. Seine Aufmerksamkeit galt ganz einem neuen Gesetz, das am Dienstag im Senat behandelt wurde - es würde Berlusconi erlauben, sein Medienimperium weiter auszubauen. Für die meisten Italiener dürfte es in Zukunft nicht gerade einfacher werden, an ungefilterte Informationen heranzukommen.

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