NYC im Ausnahmezustand
"Verrotte in der Hölle"

Als es hell wird nach dieser Nacht des Jubels, da herrscht schon wieder Hektik an Ground Zero. Pendler hasten zur U-Bahn, aber immer noch regiert die Nachricht von Bin Ladens Tod die Szene. Eine Reportage.
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New York Eine Armada von Übertragungswagen versperrt den Weg entlang der Church Street, Kameramänner hinter Drängelgittern leuchten die Szene aus, das Fernsehen interviewt Zeitzeugen, um die Ecke parken Dutzende Polizeiautos. Ohnehin hat der Ort etwas Beklemmendes, es ist New Yorks klaffende Wunde.

Wer hier vorbeikommt, hat Bilder im Kopf von geschmolzenen Stahlträgern, Staubwolken, stürzenden Türmen. Heute ist jedoch nichts wie sonst an Ground Zero. Heute kann man an diesem Ort Erleichterung und Freude spüren. Aber auch Nachdenklichkeit. 

Tom Fehling lehnt am Bauzaun von Ground Zero. Passanten haben rote Nelken in das gelben Zaungitter gesteckt, „USA gewinnen“ steht mit Handschrift auf einem Zettel geschrieben. Tom hält einen Pappbecher Kaffee in der einen Hand, die andere steckt in der Hosentasche, seine Augen sind glasig und gerötet, er hat noch das eine oder andere Glas genommen in dieser historischen Nacht, gemeinsam mit seinen Kollegen, die jetzt um ihn herum stehen. Allesamt sind sie Bauarbeiter, manche tragen Helm. „Es war an der Zeit“, sagt Tom leise und bedächtig, und da ist kein Hass in der Stimme, kein Zorn, er klingt erleichtert und befreit.  „Es hat ja nun auch wirklich lang genug gedauert“, sagt er nur und schüttelt den Kopf. „Zehn Jahre...“. Seinen Bruder hat er damals verloren am 11. September 2001, Lee Fehling, Feuerwehrmann, gestorben in den Trümmern des World Trade.

"Die Welt wird Euch hören"

Rocco Chieriechilla war die ganze Nacht hier. „Ich wollte den Jubel sehen“, sagt er. „Es war unfassbar, die Menge wurde immer größer und größer, bestimmt 3000 Leute.“ Er hat sich schick gemacht für diesen Anlass, blaues Sakko, Anstecknadel mit Sternenbanner, braun gebrannt, ein gepflegter Mann, unterm Arm hält er ein gerahmtes Foto von damals: Arm in Arm mit Präsident George W. Bush steht er auf den Trümmern von Ground Zero. 

Geduldig erzählt Rocco seine Geschichte: Er war längst schon pensioniert, als die Türme stürzten, aber: Einmal Feuerwehrmann, immer Feuerwehrmann. Er eilte hin, half mit, und als Bush nach Ground Zero kam und zu den Feuerwehrmännern sprechen wollte, da konnte ihn keiner verstehen, zu leise, kein Mikrofon. „Wir können Sie nicht hören, Herr Präsident“. Bush sagte dann einen historischen Satz, der um die Welt ging: „Die Welt wird Euch hören.“ 

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"Er hat bekommen, was er verdient hat."

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