Obamas Amtsantritt: Die Schwarzen ziehen mit ins Weiße Haus ein

Obamas Amtsantritt
Die Schwarzen ziehen mit ins Weiße Haus ein

Michael Cryor ist der einzige schwarze Amerikaner, der in einem US-Staat eine Parteiorganisation führt. Vielleicht weiß der 62-jährige Demokrat deshalb besser als viele andere, wie schwer bis heute der politische Aufstieg für einen Afroamerikaner ist.

WASHINGTON. Wenn Michael Cryor erklären will, was am 4. November in ihm vorging, dann sagt er nicht viel, sondern greift zum Blackberry. Dort hat er ein Foto gespeichert, das ihn in der Stunde von Barack Obamas Wahlsieg zeigt. Cryors Körper wippt, die Augen strahlen. Der schlaksige Vorsitzende der Demokratischen Partei in Maryland bietet ein ungetrübtes Bild der Freude. „Ich war so stolz“, sagt er, „so unendlich stolz.“

Stolz darauf, dass die USA einen schwarzen Politiker zum Präsidenten gewählt hatten, stolz, dass er dies erleben durfte – und zum Gelingen beitragen konnte. Als Landeschef der Demokraten wollte Cryor Maryland auf seine Partei einschwören und schaffte das auch. Fast 62 Prozent der Wähler stimmten für Obama.

Der 62-jährige Cryor ist der einzige schwarze Amerikaner, der in einem US-Bundesstaat eine Parteiorganisation führt. Vielleicht weiß er deshalb besser als viele andere, wie schwer bis heute der politische Aufstieg für einen Afroamerikaner ist. Die Bedeutung der Wahl Obamas lässt sich nach Meinung des Mannes aus Baltimore daher gar nicht überschätzen. Was am 4. November in den USA passiert ist, hat für Cryor eine historische Dimension. „Die USA haben bewiesen, dass sie gewachsen sind“, sagt der Demokrat. „Sie haben gespürt, dass sie sehr viel verlieren würden, wenn sie ihn nicht wählen.“

Aufgewachsen ist Cryor in einer „all-black community“ in Baltimore City, in einem typischen Ghetto der 50er-Jahre. Der Vater war Friseur und Prediger, die Mutter Hausfrau. In der Wahrnehmung des jungen Michael kam die weiße Bevölkerung überhaupt nicht vor. Und so hatte er zunächst auch nicht das Gefühl, zu einer ausgegrenzten Minderheit zu gehören. Gelegentlich allerdings wurde die Realität spürbar, und zwar nachhaltig. Cryor erinnert sich, als er bei einem Sportturnier für angehende Basketballer eine exzellente Leistung bot, stets auf dem Platz war und als der eigentliche Matchwinner galt. Doch als am Ende die Auszeichnung für den besten Spieler vergeben wurde, wurde nicht sein Name aufgerufen, sondern jener eines weißen Jugendlichen. Cryor spürte nicht nur die große Enttäuschung, die ihn erfasste. Er spürte auch das Gefühl einer riesigen Ungerechtigkeit. Als schließlich ein weißer Funktionär auf ihn zukam und sich für die Entscheidung entschuldigte, wurde Cryor bewusst, wie die amerikanische Gesellschaft damals funktionierte. „Der Mann sagte: ‚Es tut mir leid, was heute geschehen ist, aber wir können es leider nicht ändern. Doch eines Tages werden sich die Verhältnisse ändern.'“

Was Cryor erlebte, war seinerzeit Alltag. Ein Alltag, der sich über Generationen bei vielen Schwarzen in den USA in einem ganz bestimmten Verhalten ausdrückte: „Das Erste, was du lernst, ist, dich zu verteidigen“, sagt Cryor. „Um zu überleben, schützt du dich und deine Familie, und wenn es sein muss, dann schlägst du dich eben.“ Cryor, damals ein aufstrebender Basketballspieler, sagt von sich, dass er die Härte dieser Zeit nur abgeschwächt erlebt habe. Sein sportlicher Erfolg wirkte meistens wie ein Puffer, der vieles von ihm fernhielt. „Aber diese Reflexe sind natürlich bei uns allen fest verankert. Auch bei Obama.“

Allerdings: Obama, Kind einer weißen Mutter und eines Kenianers, der die Unterdrückung als Minderheit kaum erlebt hat, wuchs anders auf als Cryor. „Obama wurde nicht hineingeboren in das klassische schwarze Umfeld seiner Zeit“, sagt Cryor. Obama wechselte die Wohnorte, war viel mit Weißen zusammen, hatte einen weiten Horizont. „Viele von uns Schwarzen kennen dagegen nur einen sehr begrenzten Ausschnitt des Lebens – und deshalb tun wir uns so schwer, daraus auszubrechen.“ Dass menschliches Verhalten mehr Variationen bereithält als die tradierten Verteidigungsreflexe vieler Afroamerikaner habe Obama gelernt. „Er ist in der Lage, diese Reflexe zu ignorieren, das macht den großen Unterschied“, sagt Cryor.

Auch Cryor, der Psychologie studiert hat, versucht, solche Reflexe nicht übermächtig werden zu lassen. „Wenn jemand zu mir eine rassistische Bemerkung macht, dann will ich eben nicht so reagieren, wie dies der andere erwartet, ich will nicht in die Opferrolle schlüpfen. Das würde ja nur die Vorurteile bestätigen.“ Obama habe diese Kunst demonstriert, als er nach den Ausfällen seines religiösen Freundes, des Pastors Jeremiah Wright, eine Rede über die Situation der Schwarzen in den USA hielt: „Er hat nicht dem gewöhnlichen Impuls nachgegeben und sich verteidigt oder entschuldigt. Er hat erklärt, was los ist in den USA – und er hat zu Schwarzen wie zu Weißen gesprochen.“

Als Obama vereidigt wurde, war Cryor natürlich dabei. Er hatte einen Sitzplatz auf einer der Tribünen direkt unterhalb des Kapitols. Dort empfand Cryor neben Freude auch eine besondere Verantwortung. „Wir müssen Obama jetzt helfen, dass seine Präsidentschaft ein Erfolg wird. Es liegt nicht nur an ihm, es liegt vor allem auch an uns.“

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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