Oben-Ohne-Protest
Prozess gegen Aktivistinnen in Tunis vertagt

Sie wollten eine tunesische Kollegin vor Gericht unterstützen, nun wird auch einer Deutschen und zwei Französinnen aus der Protestgruppe Femen in Tunis der Prozess gemacht. Sie hatten barbusig protestiert.
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Wegen eines Oben-Ohne-Protests in Tunis müssen sich seit Mittwoch eine Deutsche und zwei Französinnen vor einem tunesischen Gericht verantworten. Kurz nach dem Auftakt wurde der Prozess für eine Woche vertagt. Zuvor hatten Anwälte von mehreren islamistischen Gruppen ein Aussetzen beantragt, damit sie dem Verfahren als Kläger beitreten können.

Die drei Aktivistinnen gehören der ukrainischen Gruppe Femen an. Am 29. Mai erschienen sie mit nackten Oberkörpern vor dem Justizpalast und verlangten die Freilassung ihrer tunesischen Kollegin Amina Sboui, die ebenfalls wegen Protesten in Tunesien vor Gericht stand. Den drei Europäerinnen werden unsittliches Verhalten in der Öffentlichkeit und Bedrohung der öffentlichen Ordnung vorgeworfen.

Drei weitere Femen-Aktivistinnen aus der Ukraine und Weißrussland, die wiederum offenbar die Deutsche und die Französinnen unterstützen wollten, wurden von den tunesischen Behörden ausgewiesen, wie das Innenministerium mitteilte. Eine Ukrainerin wurde aus ihrem Hotelzimmer abgeführt und an den Flughafen expediert, eine weitere Ukrainerin und eine Weißrussin wurden schon bei der Einreise am Flughafen abgewiesen. Sie wurden verdächtigt, einen weiteren Oben-Ohne-Protest vor dem Justizpalast zu planen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft am Freitag den tunesischen Ministerpräsidenten und will mit ihm über Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit reden, wie Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin sagte. Ob es konkret um die 19-jährige deutsche Angeklagte gehen soll, ließ er offen.

Vor ihrem Prozess, der ebenfalls im Justizpalast in Tunis stattfand, demonstrierten Dutzende Menschen gegen Femen. Zeugen berichteten, dass auch eine Europäerin ein Schild zur Unterstützung der feministischen Gruppe hochgehalten, aber sofort den Zorn der Menge auf sich gezogen habe. Sie sei von der Polizei weggeführt worden.

Amina Sboui hatte in Tunesien für Aufsehen gesorgt, als sie unter dem Namen Amina Tyler Oben-Ohne-Bilder ins Internet stellte und am 19. Mai eine öffentliche Protestaktion wagte. Sie wurde festgenommen und wegen Besitzes eines gefährlichen Gegenstands - eines Pfeffersprays - zu einer Geldstrafe verurteilt. Am Mittwoch musste sie vor einem Ermittlungsrichter in Kairouan erscheinen. Dieser soll entscheiden, ob sie auch wegen öffentlicher Unsittlichkeit und Entweihung eines Friedhofs angeklagt wird.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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  • Ich bewundere den Mut dieser Frauen und hoffe sehr, dass sie im "Polizeigewahrsam" korrekt behandelt werden.

    Frau Merkel sollte die Gelegenheit nutzen und sich bei Ihrem Besuch ganz konkret für die Femen-Aktivistinnen einsetzen: Sofortige Einstellung der Prozesse plus Freilassung und Ausreise.

  • Bitte künftig Tunesien als Urlaubsland meiden, ein Land, in dem Männer Angst vor nackten Brüsten haben (wenn sie sei öffentlich sehen) aber sonst Frauenrechte mit Füßen treten, ist kein Urlaubsland für Demokraten.

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