„Occupy Wall Street“
Die Proteste machen den Politikern Beine

Die Bewegung „Occupy Wall Street“ ist ein bunter Haufen ohne klare Ziele. Viele sagen, man könne die Protestler deshalb nicht ernst nehmen. Doch das ist falsch. Warum muss Kritik immer konstruktiv sein? Ein Kommentar
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New York, Washington, Milwaukee: „Occupy Wall Street“ hat inzwischen fast jede Stadt in Amerika besetzt, am Wochenende schwappte die Bewegung sogar bis nach Europa. Während die Amerikaner noch immer nicht so richtig wissen, was sie von den Protestlern halten sollen, haben zumindest die Kritiker eine Meinung.

Drei Arten von ihnen gibt es. Die einen machen sich lustig über einen Haufen ungeduschter Hippies, die einfach eine riesengroße Party feiern. Andere beschimpfen die Demonstranten als „Mob“, als „unamerikanisch“. Als faule und gewalttätige Neidhammel, die selbst nichts auf die Reihe bekommen. Der dritte Ansatz ist am weitesten verbreitet: Ist ja schön, dass ihr auf die Straße geht – aber ihr wisst doch noch nicht einmal, was ihr eigentlich wollt.

Es ist Woche fünf nach Beginn der Proteste, und die Forderung nach Antworten wird drängender: Gegen wen oder was sind diese Leute, die von sich behaupten, die seien die „99 Prozent“? Was ist ihre Botschaft und vor allem: Wie lauten ihre Alternativen? So lange das nicht klar sei, so der Vorwurf, könne man die Aktivisten nicht ernst nehmen.

Man kann von den Protestlern halten, was man will –  doch warum muss Kritik immer konstruktiv sein? Man muss nicht vorher ein ausgefeiltes Alternativkonzept entwerfen, wenn man gegen herrschende Zustände protestiert. Die Ungleichheit in Amerika nimmt zu, die Mittelschicht bröckelt, die Armut steigt und Millionen arbeitswillige junge Menschen finden keinen Job. Gleichzeitig hat sich eine kleine Oberschicht längst von der Krise erholt. Die Politik kann oder will keine Hoffnung stiften, selbst der einstige Hoffnungsträger Barack Obama fällt aus.

Das allein ist Grund genug für die Demonstranten, ihren Frust friedlich auf die Straßen zu tragen. Oder, wie es die „New York Times“ auf den Punkt bringt: „Der Protest ist die Botschaft“. Ausformulierte politische Konzepte können die spontan und basisdemokratisch organisierten Demonstranten, die auf Anführer oder Sprecher verzichten, gar nicht erbringen. Und das müssen sie zum jetzigen Zeitpunkt auch gar nicht.

Schon richtig. Wer die Fernsehbilder sieht, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass hier einfach jeder mal irgendetwas auf Plakate malt und losmarschiert, auch wenn es sich zum Teil widerspricht. Nieder mit den Großkonzernen – gleichzeitig aber mehr Jobs? Die Demonstranten scheint nur eines zu einigen: das Wort „Dagegen“. Wutbürger auf Amerikanisch.

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Trommelnde Freaks und meditierende Hippies

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  • Aber bitte dann mit anderen Geldschöpfungs und Zinsregeln, sowie mehr Mitbestimmung über die wichtigen Dingen, die zu entscheiden sind!

  • Mann kann inzwischen sagen, dass Fass ist übergelaufen. Es sind inzwischen so viele Fehler im System, dass man gar nicht den einen Punkt nennen kann, wo etwas zu ändern ist. Daher wird nicht die Bankenfrage gestellt sondern gleich die Systemfrage. Ich selbst habe ohne lange zu überlegen, 22 Punkte aufgelistet, die anzupacken wären. Was aber diese Bewegung besonders macht, ist nicht nur die 1% zum Nachdenken zu bringen, sondern den Rest aufzufordern, mal über den Fernsehabendteller zu schauen und Fragen zu stellen. Ich habe seit einem Jahr begonnen, mich intensiv mit den Krisen auseinanderzusetzen. Und wenn man erst einmal beginnt, ist es wie mit dem berühmten Teppich, den man an einer Ecke beginnt anzuheben. Was dann so nach und nach zum Vorscheint kommt, ist definitiv nicht appettitlich. Hier sind meine Punkte: http://faszinationmensch.wordpress.com/2011/10/07/beginnt-am-15-oktober-eine-bewegung-an-der-am-ende-eine-friedlich-erneuerte-weltgemeinschaft-steht/

  • Eigentlich ist es erstaunlich, wie lange es gedauert hat, bis Teile der Öffentlichkeit auf die Strasse gehen.Schliesslich hat die von US-Banken ausgegangene Finanz- und Wirtschaftskrise doch schon vor mehr als 3 Jahren begonnen, ohne dass es zu grossen Protesten gekommen ist.
    Dass nun Proteste vor der EZB und Banken stattfinden ist aber nicht ganz nachvollziehbar. Die eigentlichen Adressaten des Unmuts müssten nun die Politiker sein, die es soweit kommen liessen mit der masslosen Verschuldungspolitik sowie der unterbliebenden bzw. unzureichenden Regulierung der Finanzmärkte.

    Die jetzigen Proteste werden der Politik nun Beine machen Das ist einerseits gut so, andererseits besteht das Risiko, dass die Demonstrationen ausarten und von Kräften missbraucht werden, die den eigentlichen Zielen abträglich sind.

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