OECD-Bericht zu Flüchtlingen in Deutschland
Schlimm, aber nicht aussichtlos

Es gibt nichts zu beschönigen: Sollten 800.000 Asylbewerber nach Deutschland kommen, ist das Rekord für ein OECD-Land. Doch Überforderung droht damit nicht. Probleme gibt es an ganz anderer Stelle.
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ParisDie weltweite Flüchtlingskrise wird nach Ansicht der wichtigsten Organisation der hoch entwickelten Länder noch länger anhalten. Der Bürgerkrieg in Syrien und der Zerfall Libyens sind im Urteil der OECD eine „einzigartige Herausforderung für die internationale Gemeinschaft“. Genau wie im Falle der Instabilität in Irak und Afghanistan sei nicht absehbar, dass sich an diesen Ursachen des Zustroms an Flüchtlingen in absehbarer Zeit etwas ändere. Auch aus Eritrea würden weiterhin viele Menschen fliehen. Doch seien in der Vergangenheit Zuwanderungen bewältigt worden, die „eine vergleichbare Größenordnung hatten“.

In ihrem neuen „International Migration Outlook“ und der begleitenden Studie „Is this humanitarian migration crisis different?“ beschönigt die OECD nichts. In einer Hinsicht sei die gegenwärtige Krise mit keiner früheren vergleichbar: Wenn tatsächlich im Laufe dieses Jahres gut 800.000 Asylbewerber nach Deutschland kämen, wäre das die höchste jährliche Zuwanderung, die je ein OECD-Land zu verkraften hatte. Die Organisation kommt aber dennoch zu optimistischen Schlüssen: „Selbst wenn europäische Länder in der Vergangenheit zunächst überrascht wurden, haben sie die Lage erfolgreich bewältigt und die verbleibenden Migranten weitgehend integriert.“ Die Länder hätten sogar „in vielen Ländern wirtschaftlich von diesem Zustrom profitiert, zumindest längerfristig“.

Was die OECD insgesamt angehe, habe sie bereits vor vergleichbaren Herausforderungen gestanden, etwa nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs und während der Balkankriege. In Spanien habe sich die im Ausland geborene Bevölkerung innerhalb von nur zehn Jahren verdreifacht, in den USA, aber auch in Deutschland, das „schon bevor die Flüchtlingskrise zuschlug das zweitwichtigste Einwanderungsland der OECD nach den Vereinigten Staaten war.“ Die OECD weist darauf hin, dass sich in einigen Ländern die verschärfte Lage kaum oder überhaupt nicht wiederspiegelt: „In anderen Ländern wie Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder der Schweiz hat die Zahl der Asylbewerber bislang nicht signifikant zugenommen.“

Prozentual hat der auf Frankreich und Großbritannien entfallende Anteil an den in die OECD drängenden Migranten sogar abgenommen: Er sank im Falle Frankreichs von 12 Prozent in 2013 auf sechs Prozent in 2015, im Falle Großbritanniens von sechs auf drei Prozent. In Deutschland stieg er gleichzeitig von 17 auf 31 Prozent.

Auch wenn die bisherigen Erfahrungen etwa aus den 90er-Jahren zuversichtlich stimmten, sei längst „nicht alles glatt abgelaufen“, räumt die OECD ein, und es sei wichtig, aus vergangenen Fehlern zu lernen. Notwendig sei es vor allem, sofort Hilfe zur Integration zu leisten und berufliche Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Ebenso wichtig sei es, sich um die Frauen unter den Flüchtlingen zu kümmern.

Der am Dienstag von OECD-Generalsekretär Angel Gurría vorgestellte Bericht ist der 39. seiner Art. Die Routine und Distanz sowie die breiten internationalen Vergleichsmöglichkeiten, die damit einhergehen, nehmen viel von der Hektik und Aufregung heraus, die in Europa die aktuelle Debatte bestimmen. So erinnert die OECD an ein paar Erfahrungen, die gegenwärtig oft untergehen: „Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die zu uns kommen“. Vielmehr seien die Migranten besser gebildet als der Durchschnitt der Bevölkerung ihrer Herkunftsländer.

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  • Ich denke leider, in der Frage meiner Integrationsbemühungen kann ich Ihnen keine wirklichen Beweise nennen, da Sie weder in den Messehallen in Hamburg anrufen werden, noch ich gewillt bin, weitere Mühen zu investieren, um Ihnen irgendetwas zu beweisen. Sie nennen leider auch keine Zahlen oder liefern NACHWEISBARE Gegenargumente.
    Ich traue Ihren Argumenten ebenfalls nicht, da Sie sich ausschließlich auf den angeblich niedrigeren Informationsgehalt der Foristen (in diesem Fall meinen) beziehen und sich damit auf einer höheren (ich nenne es mal) Informationsebene befinden. Konkretes ist da leider auch nicht und aus diesem Grunde sehe ich die Situation etwas anders und würde "einigen" (nicht allen) Kommentatoren hier im Forum eine realistischere Einschätzung der Situation zumuten als Ihnen. Wie gesagt, ist nur meine Meinung.

    Ich bin mal gespannt, welche Zahl am Donnerstag beim Gipfeltreffen mit den Bundesländern für die kurzfristigen Kosten genannt wird. Vielleicht kommen wir der Zahl - die ich vor ca. einem Monat genannt habe - etwas näher.

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