OECD
Neue Mitgliedsstaaten verzweifelt gesucht

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kämpft mit einem Bedeutungsverlust. Aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China, Indien oder Brasilien sind nicht dabei und haben auch kein Interesse an einem Beitritt. Die Abwesenheit der aufstrebenden Volkswirtschaften hat bittere Folgen für die OECD. Lesen Sie Teil fünf der Handelsblatt-Serie „Internationale Organisationen“.

PARIS. Der Fischer Weltalmanach hat sie schon zweimal vergessen. Die OECD kommt im Kapitel „Internationale Organisationen“ des viel genutzten Nachschlagewerks in den Ausgaben 2005 und 2006 nicht vor. „Andere waren in den beiden Jahren eben wichtiger“, heißt es dazu lapidar beim Fischer Verlag. Die lexikalische Lücke ist kein Zufall. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kämpft mit Bedeutungsverlust. Ausgerechnet jener Zusammenschluss, der seinen 30 Mitgliedstaaten im globalisierten Wettbewerb mit Rat, Kritik und sanftem Druck auf die Sprünge helfen soll, sieht sich jetzt selbst durch die Globalisierung bedroht.

Ihren inoffiziellen Namen „Club der reichsten Länder der Welt“ dürfte die in Paris ansässige Organisation eigentlich gar nicht mehr tragen. Schließlich sind die neuen Wirtschaftswunderländer im Süden und Osten der Welt kein Clubmitglied. China, dessen Bruttoinlandsprodukt in der Weltrangliste auf Platz drei aufgerückt ist und damit vor Deutschland steht, gehört der OECD nicht an.

Auch Indien, Brasilien und Südafrika sind nicht dabei, obwohl ihre Wirtschaftskraft diejenige vieler OECD-Mitgliedstaaten mittlerweile um ein Vielfaches übersteigt. Die Abwesenheit der aufstrebenden Volkswirtschaften hat bittere Folgen für die OECD: Vor rund zwanzig Jahren repräsentierte sie noch 80 Prozent des Weltsozialprodukts. Heute ist dieser Anteil auf 60 Prozent zusammengeschrumpft. Und wenn nichts geschieht, werden es in 15 Jahren nur noch 40 Prozent sein. „Die Organisation muss aufpassen“, weiß der deutsche OECD-Botschafter Matei I. Hoffmann, „dass sie ihre Bedeutung behält.“

In der Zentrale im Château de la Muette im feinen 16. Arrondissement von Paris hat sich diese Erkenntnis nur langsam durchgesetzt. Nach langem Zögern rang sich die OECD im Mai dieses Jahres dazu durch, Beitrittsverhandlungen mit fünf Staaten aufzunehmen: Russland, Israel, Chile, Estland und Slowenien. „Der Beitritt der aufstrebenden Staaten ist für uns von fundamentaler Bedeutung“, gab der seit Juni 2006 amtierende OECD-Generalsekretär Angel Gurria zu Protokoll.

Der Mexikaner erklärte allerdings nicht, wieso die OECD ausgerechnet diesen fünf Staaten den Weg für eine Mitgliedschaft ebnet. Die Antwort darauf fällt auch wenig schmeichelhaft aus. „Die meisten aufstrebenden Volkswirtschaften haben bisher kaum Interesse an einem Beitritt formuliert“, räumt die stellvertretende OECD-Generalsekretärin Thelma Askey ein. Aufnahmeanträge von China, Indien, Südafrika und Brasilien liegen in Paris bislang nicht vor. Ob sie jemals kommen werden, steht in den Sternen.

Möglicherweise ziehen die großen Schwellenländer es vor, eigene Strukturen zu bilden. „Es gibt Anzeichen dafür, dass Parallelgebilde zur OECD entstehen könnten. Indien, Brasilien und Südafrika arbeiten zum Beispiel eng in der IBSA zusammen und wollen dem Vernehmen nach auch Russland und China näher an sich heranführen“, weiß OECD-Botschafter Hoffmann.

Seite 1:

Neue Mitgliedsstaaten verzweifelt gesucht

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%