OECD rät zur Arbeitsmarktöffnung
Lobreden auf Skandinavien nehmen kein Ende

Nordeuropa scheint eine Insel der Glückseligen zu sein: Eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosigkeit, hohes Wachstum und gesunde Staatsfinanzen zeichnen die Volkswirtschaften im hohen Norden aus. Getrieben wird der Boom durch ein nahezu beispielloses Verbrauchervertrauen. Trotz enorm gestiegener Immobilienpreise, trotz Prognosen, dass die im Norden äußerst niedrigen Zinsen auf dem Weg nach oben sind, wird konsumiert wie selten zuvor. Zumindest wenn es um den wirtschaftlichen Zustand der Region geht, ernten Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden stets höchstes Lob.

STOCKHOLM. In den Chor der Lobpreisungen stimmte am gestrigen Dienstag auch die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) mit ihrem Länderbericht zu Dänemark ein. Die Experten der Pariser Organisation bescheinigen der Wirtschaft in dem kleinen Königreich einen „sehr guten Zustand“ mit einem Wachstum, „das zu den besten innerhalb der OECD-Länder“ gehöre. Bereits vor einer Woche hatte die Pariser Organisation Finnlands Wirtschaft gute Noten ausgestellt. Das Land besitze wegen eines überdurchschnittlich hohen Ausbildungsniveaus die innovativste Wirtschaft der Welt. Wachstumsraten zwischen drei und vier Prozent sind in Nordeuropa seit mehreren Jahren Standard. Und daran werde sich auch in den kommenden zwei Jahren kaum etwas ändern, so die Ökonomen.

Besonders angetan sind Wirtschaftsexperten seit Jahren von Dänemark. Die nordeuropäische Bank Nordea spricht von „einer nahezu unglaublich positiven Phase“, in der sich die dänische Wirtschaft befindet. Doch trotz der Lobesarien gibt es in Nordeuropa weiter Handlungsbedarf. So mahnen die OECD-Ökonomen von Dänemark weitere Reformen an: Das Land müsse eine stringente Fiskalpolitik verfolgen. Außerdem sei es notwendig, den Beschäftigungsgrad im öffentlichen Sektor zu senken und die Dauer des Arbeitslosengeldes zu verkürzen. Gleichzeitig sollte Dänemark seinen Arbeitsmarkt effektiver für Arbeitssuchende aus anderen EU-Ländern öffnen. Alle Maßnahmen sollen die Überhitzungsgefahr zügeln.

Mit dieser Meinung stehen die OECD-Experten nicht allein. Der Chefökonom der größten dänischen Bank Danske Bank, Stehen Bocian, will zwar noch nicht ausdrücklich von einer Überhitzung des Arbeitsmarktes sprechen, bezeichnet die Lage aber als „glühend heiß“. Kein Wunder: Die Danske Bank rechnet gegen Jahresende mit einer Arbeitslosenrate von 4,3 Prozent, der niedrigsten in Dänemark seit den 70er Jahren.

Der Erfolg der dänischen Arbeitsmarktpolitik liegt in einem von vielen anderen Ländern neidvoll betrachteten System der „Flexicurity“. Der Staat fordert von Erwerbslosen ein beispielloses Maß an Flexibilität und Mobilität, wenn er ihm einen neuen Arbeitsplatz vermittelt. Diese Forderung ist mit einer relativ großzügigen und langen Förderung in Form von finanzieller Unterstützung und Fortbildungsprogrammen verbunden.

Gleichzeitig existiert in Dänemark im Prinzip kein Kündigungsschutz, sodass Arbeitgeber in Wachstumszeiten wie jetzt sehr viel schneller zu Neuanstellungen bereit sind. Läuft es wieder schlechter, ist ein Stellenabbau jederzeit durchführbar. Umfragen haben aber gezeigt, dass eine deutliche Mehrheit der Dänen den Arbeitsmarkt als sehr sicher empfindet, obwohl jeder Vierte in den vergangenen Jahren einmal arbeitslos war. Die Suche nach einem neuen Job erweist sich als sehr einfach. Vor allem im Handwerk, der Baubranche und im Gesundheitswesen gibt es derzeit viele offene Stellen. Der dänische Arbeitgeberverband warnt deshalb bereits vor einem akuten Arbeitskräftemangel, der das Wachstum bremsen könnte.

Eine geplante Verschärfung der großzügigen Vorruhestandsregelungen und eine Anhebung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre auf 67 sind als Abkühlungsmaßnahmen bereits von der dänischen Regierung geplant und werden auch von den OECD-Experten ausdrücklich begrüßt. Ein Problem gibt es aber: Die Regierung muss ihr unpopuläres Vorhaben auch umsetzen können, ohne dabei die Konsumfreude ihrer Landsleute zu gefährden.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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