Öffentlicher Dienst
Großbritannien droht größter Streik seit 85 Jahren

Geschlossene Schulen, Krankenhäuser, Müllchaos: Der öffentliche Dienst in Großbritannien plant den größten Streik seit 1926. Die Bevölkerung hat Verständnis, denn den Staatsdienern drohen massive Kürzungen.
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LondonAm Mittwoch soll die Insel stillstehen: 2,5 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst wollen am Mittwoch Großbritannien lahmlegen und damit gegen die Reform ihrer Rentensysteme protestieren. Die Stimmung von Depression und wirtschaftlicher Stagnation wird sich dadurch verschärfen: Am Dienstag hatte die Haushaltsbehörde ihre Wachstumsaussichten erneut gesenkt. Die OECD rechnet mit einer Rezession im kommenden Jahr und Schatzkanzler George Osborne hat für Konjunkturprogramme im alten Stil kein Geld in der Kasse.

Bis zu 90 Prozent aller Schulen könnten am Mittwoch geschlossen bleiben. Eltern sollen ihre Kinder stattdessen zur Arbeit mitnehmen, empfahl Premier David Cameron. 5.500 Operationen und 12.000 Krankenhaustermine wurden gestrichen, Müllabfuhren, Sanitäter und Behördendienste gehen in Streik. An den Grenzen Großbritanniens und vor allem auf den Flughäfen London Heathrow und Gatwick wird mit Wartezeiten von bis 12 Stunden gerechnet, wenn möglicherweise weniger als ein Drittel des Personals für Passkontrollen bereit steht.

„Durchaus möglich, dass Chaos herrscht“, warnte die Grenzbehörde Border Agency. Fluggesellschaften wie British Airways und Virgin Atlantic haben Passagiere aufgefordert, ihre Flüge auf andere Tage umzubuchen oder gar die Reisepläne ganz aufzugeben. Andere Gesellschaften haben Flüge bereits gestrichen. Flieger müssen damit rechnen, dass Maschinen umgeleitet oder Flüge storniert werden, wenn die Warteschlangen an den Einreiseschaltern zu lange werden.

Die Regierung forderte Mitarbeiter im höheren Dienst auf, sich freiwillig als Streikbrecher und Passkontrolleure zur Verfügung zu stellen. Auch Armeesoldaten und uniformierte Polizei sollen in Bereitschaft stehen. Man will mit allen Mitteln verhindern, dass Großbritannien durch den Streik für das Ausland geschlossen wird.

„Es könnte die größte Streikaktion seit dem Generalstreik von 1926 werden“, warnte einer der Streikführer, Dave Prentis von der Gewerkschaft Unison – einer von fast 30 Gewerkschaften, die eine Urabstimmung durchführten und zu dem Streik aufgerufen haben. Schulminister Michael Gove hielt dagegen: „Militante Gewerkschaften können es kaum noch erwarten. Sie wollen Szenen von Industriekampf auf unseren Bildschirmen sehen, sie wollen, dass die wirtschaftliche Erholung noch schwieriger wird und eine Bühne für die Konfrontation schaffen, gerade, wo wir alle solidarisch zusammenstehen müssen“.

Doch Prentis betonte, nicht „Macho-Gewerkschafter“, sondern schlecht bezahlte weibliche Angestellte wie Pflegepersonal und Schulhelfer seien das Rückgrat des Streiks. „Sie sind wütend und enttäuscht, wie man sie mit diesen Rentenreformen verrät und im Stich lässt“.

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Mehrheit der Bevölkerung hält den Streik für gerechtfertigt

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  • Ich lese hier immer "verarmen" und über "die Verhältnisse leben". Ist hier eigentlich jemandem schon aufgefallen das die Vermögen der Privaten in Deutschland allein in den letzten 10 Jahren um über 2 Billionen Euro gestiegen?

    Im vereinten Deutschland - seit 1989 - ist es je Kopf preisbereinigt um fast 43 Prozent gewachsen, während das Einkommen in dieser Zeit um nur 8 Prozent zulegte.

    Jaja, so manch einer sollte sich mal fragen wo das liebe Geld hinwandert. Aber stattdessen wird hier Mumpitz erzählt, von wegen das Land würde verarmen. Nicht das Land verarmt, sondern 80 % der Bevölkerung, während der Rest immer mehr anhäuft. Das zeigen die Statistiken eindeutig!

  • In GB ist die Industrie stark zurückgegangen. Nahezu ein Drittel des Bruttosozialprodukts wird vom Londoner Finanzplatz verdient.Der schwächelt jetzt auch, selbst ohne die notwendige Finanztransaktionssteuer europa- und weltweit. Die Staatsausgaben sind geblieben,vielleicht sogar gewachsen, wenn man an den Militäreinsatz in Lybien denkt. Mit Kolonien hat es GB nicht mehr, auf die man zurückgreifen könnte. Jetzt wirds ernst mit den Staatsfinanzen, auch mit dem Wirtschaftswachstum. So ist das, wenn man über seine Verhältnisse lebt.Die Gewerkschaften denken mitgliederbezogen, nicht staatswirtschaftlich. So wird das GB-Pfund wohl abwerten, damit die Exporte wieder florieren können. Deutschland sollte dies zu denken geben. Wir können nicht nur immer wieder andere Länder mitfinanzieren und innenpolitisch verarmen, mindestens in einigen wichtigen Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Stromnetze, Verkehrsinfrastruktur.

  • die briten sind sich mit ihrem thatcherism vollkommen auf den leim gegangen.
    die deutschen lernen das gerade auch, bloß daß die dumme pute das noch garnicht auf der uhr hatte, was da lles losgehen könnte - genausowenig wie der dicke übrigens.

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