Ökonomen
Deutsche Wirtschaft emanzipiert sich von USA

Diesmal wird die kränkelnde US-Wirtschaft die deutsche Wirtschaft nicht anstecken. Denn Exporte gehen nun viel stärker auch an neue Abnehmer in den Schwellenländern. Wie sich die Gewichte der Weltwirtschaft verschieben - und wie sich das in Deutschland zeigt.
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DÜSSELDORF. Krankt die US-Wirtschaft, krankt die Wirtschaft in der ganzen Welt, auch in Deutschland. So ist es bis jetzt immer gewesen. Doch diesmal ist es anders.

Die mageren Wachstumsraten in den USA sind für die deutsche Wirtschaft kein großes Problem - auch dann nicht, wenn sie länger anhalten sollten. Da sind sich die Experten einig. "Früher hieß es, wenn die Amerikaner husten, kriegen wir eine Grippe", erinnert Norbert Braems, Chefvolkswirt des Bankhauses Sal. Oppenheim, an eine alte Ökonomen-Weisheit. Die ist überholt: Diesmal erfreuen wir uns bester Gesundheit.

"Der Einfluss einer länger anhaltenden Wachstumsschwäche in den USA wäre in Deutschland nicht mehr so sichtbar wie in früheren Konjunkturzyklen", sagt Braems. "Sie würde viel stärker als bisher ausgeglichen durch die Schwellenländer." Bedrohlich würde es erst, wenn die USA erneut in eine Rezession abrutschten.

Die deutsche Wirtschaft emanzipiert sich von den USA. Sie habe sich in der Krise diversifiziert und neue Abnehmer für ihre Autos und Maschinen gefunden. Damit könne sie eine Schwächephase der größten Volkswirtschaft der Welt gut überstehen, beruhigen Ökonomen.

"Die deutsche Wirtschaft hat es gelernt, sich trotz einer dümpelnden US-Wirtschaft und einer ausgeprägten Wachstumsschwäche in der Euro-Zone gut zu schlagen", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Das zeige eine Wachstumsrate von voraussichtlich dreieinhalb Prozent im laufenden und zwei Prozent im kommenden Jahr.

Der Anteil der USA am Umsatz der 100 größten deutschen Unternehmen ist seit 2007 von 20 auf 15 Prozent geschrumpft. Eine ähnliche Sprache spricht die Exportstatistik. Hier lag der Anteil der USA an den deutschen Exporten noch 2002 über zehn Prozent, ist aber bis 2009 schon auf 6,7 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig stieg die Bedeutung Chinas. "Schon jetzt ist China etwa genauso wichtig für uns als Exportziel", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. "Es fällt uns aber noch schwer, das auch mental anzunehmen."

In der Diversifizierung der deutschen Exportindustrie spiegelt sich eine weltwirtschaftliche Verschiebung wider. Nach der Krise findet mehr als die halbe globale Industrieproduktion in den Schwellenländern statt. Und sie ist längst nicht mehr einseitig auf Exporte ausgerichtet, sondern bedient immer stärker die wachsende Nachfrage in den bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien selbst.

Das ist auch ein Grund, warum die indirekten Effekte der US-Konjunkturschwäche nicht mehr die Bedeutung von einst haben. Zwar dämpft die geringere Nachfrage aus den USA auch die Wirtschaft in China und anderswo, aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie die Schwellenländer in die Krise stürzen würde.

"Das Ganze ist ja kein Nullsummenspiel", sagt Kater, "die Einbeziehung Hunderter Millionen Menschen in die globale Wirtschaft vergrößert ja auch insgesamt die Produktion." Nur noch rund ein Fünftel der Weltproduktion finde heute in den USA statt.

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