Ökonomen-Warnung
Dubai-Krise könnte neuen globalen Crash auslösen

Angesichts einer möglichen Zahlungsunfähigkeit des einst boomenden Golfemirats Dubai schlagen führende Ökonomen in Deutschland Alarm. Sollte die Politik nicht gegensteuern, könnte die Krise in einen neuen weltweiten Crash der Finanzmärkte münden.
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DÜSSELDORF. „In der Tat könnte Dubai das Vorbeben eines künftigen Crashs sein“, sagte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, am Freitag im Gespräch mit Handelsblatt Online. An der Schuldenkrise des Golfstaats zeige sich, dass selbst an sich wohlhabende Staatsfonds gemessen an ihren gigantischen Vorhaben über zu wenig Eigenkapital verfügten. Noch wisse man nicht, wo dies sonst noch der Fall sei. „Dies wird erst im Laufe der Zeit offenkundig werden und das könnte das Vertrauen an den Kapitalmärkten erneut in Mitleidenschaft ziehen“, sagte der Ökonom und fügte hinzu: „Dagegen hilft nur eine schnelle und strenge Regulierung der globalen Kapitalmärkte.“

Ähnlich äußerte sich der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen. An Dubai könne man sehen, dass neue Schocks meist aus einer anderen Richtung kämen als die alten, sagte Carstensen Handelsblatt Online. „Daher ist es zu früh, das Ende der Finanzkrise auszurufen.“ Noch sei zwar das Ausmaß der Probleme in Dubai noch nicht abzusehen. „Aber ich vermute, dass die Reaktion der Märkte auch diesmal das wahre Ausmaß der Probleme kurzfristig überzeichnen werden.“

Der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, meinte bei Handelsblatt Online, Dubai zeige, wie „fragil“ die Finanzmärkte nach den Erlebnissen der vergangenen Quartale noch seien. „Alte Operationsnarben reißen auf, das Misstrauen kehrt zurück“, sagte Kater. „Es sind solche Ereignisse, die eine Bedrohung der eigentlich soliden wirtschaftlichen Erholung darstellen.“ Im Fall Dubai sei wieder einmal „gebührende Unsicherheit“ im Spiel, vermutet der Ökonom. Denn es werde die Frage aufgeworfen, inwieweit sich der Staat für die Verbindlichkeiten seiner Firmen verpflichtet fühlt, bei denen es offiziell keine Garantien gibt. „Diese Unsicherheit muss möglichst schnell geklärt werden, um die potenziellen Schäden für Finanzinstitutionen in aller Welt zu ermessen“, sagte Kater und fügte hinzu: „Es könnte auf einen Kompromiss zwischen Umschuldung und Garantien aus den finanzkräftigen Teilen der Vereinigten Arabischen Emirate hinauslaufen.“

Die Bank of America warnt, die Schuldenkrise in Dubai könne sich ausweiten und andere Schwellenländer erheblich in Mitleidenschaft ziehen. Es sei nicht auszuschließen, dass die Zahlungsschwierigkeiten zu einem „größeren staatlichen Ausfallproblem werden“, schreibt die US-Großbank in einem Bericht, aus dem die Wirtschaftsagentur Bloomberg am Freitag zitierte. Unter aufstrebenden Wirtschaftsmächten könnte dies dieselbe Wirkung entfalten wie die Finanzprobleme Argentiniens zu Beginn des Jahrtausends oder Russlands in den 90er Jahren. Ein Ausfall Dubais könnte „zu einem plötzlichen Stopp des Kapitalflusses in Schwellenländer führen“, schreiben die Analysten Benoit Anne und Daniel Tenengauzer. Die würde einen „erheblichen Rückschritt“ in der gerade erst begonnenen Erholung von der Weltwirtschaftskrise bedeuten, hieß es weiter.

Der britische Premierminister sieht indessen in der Schuldenkrise in Dubai keine größere Gefahr für die weltweite Wirtschaft. Das Problem sei „eindämmbar und örtlich begrenzt“, sagte Gordon Brown am Freitag auf dem Weg zum Commonwealth-Treffen in Trinidad und Tobago. Zwar sei die Krise ein „Dämpfer“, aber sie gefährde nicht die Erholung der globalen Wirtschaft und habe nicht die Ausmaße der früheren Probleme der Finanzwelt. Viele Banken hätten erklärt, dass sie von Dubais Geldnot nur begrenzt betroffen seien.

Die Geldnöte des Emirats Dubai haben indes auch zwei Tage nach ihrem Bekanntwerden die Finanzmärkte verunsichert. Weltweit zogen die Investoren am Freitag weit er Gelder aus riskanteren Anlagen ab. An der Wall Street, wo die Anleger wegen des Feiertages Thanksgiving am Donnerstag bisher keine Möglichkeit hatte, auf diese Nachrichten zu reagieren, gaben die Kurse im frühen Handel nach. An den europäischen Börsen beruhigten sich die Gemüter nach den Kursverlusten des Vortags indes wieder. Allerdings wird sich Börsianern zufolge erst am Montag zeigen, wie es weitergeht; schließlich dürften viele amerikanische Investoren nach einem langen Wochenende erst dann an den Markt zurückkehren.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, glaubt aber nicht, dass die Dubai-Krise „einen breit angelegten globalen Crash“ auslösen wird. „Schließlich sind auf die Anleger seit dem Platzen der Schuldenblase Mitte 2007 schon viele schlechte Nachrichten eingeprasselt“, sagte der Ökonom Handelsblatt Online. „Aber dennoch werden die Anleger nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren“, fügte Krämer hinzu. Das gelte besonders für die Anleihemärkte. „Anleger werden die Staatsunternehmen in den Emerging Markets-Ländern kritisch unter die Lupe nehmen und im Zweifel höhere Risikoaufschläge verlangen“, ist sich der Commerzbank-Volkswirt sicher. Auch bei Staatsanleihen würden die Anleger stärker differenzieren. Das gelte auch für die Staaten innerhalb der europäischen Währungsunion. „Nicht umsonst haben die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen bereits vor zwei Wochen begonnen deutlich zu steigen“, sagte Krämer.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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