Ökonomie Studie hinterfragt „Schönheitsprämien“ im Job

Seit Jahren erforschen Ökonomen, ob das Aussehen die Höhe des Gehalts beeinflusst – positiv oder negativ. Eine neue Studie hinterfragt jetzt die Existenz einer solchen „Schönheitsprämie“. Und stößt auf massive Kritik.
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Wirkt sich gutes Aussehen auf den Gehaltsscheck aus? Darüber streiten Wissenschaftler weltweit. Quelle: dpa
Psychologie

Wirkt sich gutes Aussehen auf den Gehaltsscheck aus? Darüber streiten Wissenschaftler weltweit.

(Foto: dpa)

London/BostonZahlt sich gutes Aussehen mit barer Münze im Job aus? Eine neue Studie stellt die seit Jahren vorherrschende These einer „Schönheitsprämie“ zumindest für den US-Arbeitsmarkt in Frage. Oft verdienten die am wenigsten attraktiven Menschen sogar mehr als besser aussehende, schreiben Satoshi Kanazawa von der London School of Economics und Mary Still von der University of Massachusetts im „Journal of Business and Psychology“. Statt Schönheit seien Merkmale wie Gesundheit, Intelligenz und günstige Persönlichkeitsfaktoren ausschlaggebend für bessere Bezahlung. Andere Experten widersprechen: Die Studie habe gravierende Schwächen.

Kanazawa und Still legten ihrer Auswertung die Langzeitstudie „Add Health“ zugrunde. Junge US-Amerikaner waren dafür zwischen 1994 und 2008 in fünf Wellen zu zahlreichen Aspekten befragt worden. Zu Beginn waren die über 20.000 Teilnehmer, die auch im Aussehen bewertet wurden, durchschnittlich 16 Jahre alt, am Ende 29 Jahre.

Anhand ihrer Daten untersuchte das Team drei Punkte, die nach Ansicht vieler Kollegen zu einer Gehaltskluft zwischen attraktiven und weniger gut aussehenden Menschen führen: Diskriminierung durch Arbeitgeber, Kollegen oder Kunden, Selbstbeschränkung der Betroffenen auf bestimmte Berufsfelder und individuelle Unterschiede.

Bin ich schön? Ein Länder-Check
Models von Dove zeigen die Vielfalt des weiblichen Körpers
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Die Körperpflege-Marke Dove untersuchte in der bisher größten und umfassendsten Studie die Ansichten zu Schönheit und Selbstvertrauen von Mädchen und Frauen aus insgesamt 13 Ländern, unter anderem Deutschland. Das Ergebnis: Ein niedriges Selbstwertgefühl und die kritische Wahrnehmung der eigenen Schönheit sind immer noch ein großes Thema (lesen Sie hier den ausführlichen Text zur Studie).

(Foto: PR Dove)

Wenn Mädchen und Frauen sich nicht wohlfühlen...
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Überall auf der Welt nimmt das Selbstbewusstsein von Frauen, wenn es um den eigenen Körper geht, stetig ab – ungeachtet von Alter und Herkunft. Im Kern der Studie stehen vor allem die negativen Auswirkungen eines gestörten Schönheitsempfindens. Fast alle Mädchen (87 Prozent) und Frauen (86 Prozent) in Deutschland geben an, dass sie auf wichtige Aktivitäten ihres sozialen Lebens verzichten und sich freiwillig in die soziale Isolation verbannen. Besonders krass: Hierzulande hat bei fast allen Frauen (91 Prozent) und der Mehrheit der Mädchen (79 Prozent) ein negatives Körpergefühl schon einmal dazu geführt, dass sie auf Nahrung verzichtet oder ihre Gesundheit anderweitig gefährdet haben, weil sie beispielsweise Arztbesuche vermieden haben.

(Foto: Infografik Dove)

Werbung, Facebook, Twitter & Co.: Wer ist schuld?
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Eine der wichtigsten Ursachen für den eigenen Schönheitsdruck: Eine eindeutige Mehrheit der deutschen Mädchen (66 Prozent) und Frauen (72 Prozent) nennt das durch die Medien kommunizierte unrealistische Schönheitsbild. Zusätzlich geben 50 Prozent der deutschen Frauen an, dass eine Ursache für ihr Streben nach einem Schönheitsideal ihre ständige Onlinepräsenz in sozialen Netzwerken ist.

(Foto: Infografik Dove)

Schönheit im Länder-Check
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Ein spannendes Ergebnis der Studie ist auch, dass Schönheitsdruck zwar ein weltweites Problem ist, Frauen diesen aber je nach kulturellem Hintergrund unterschiedlich wahrnehmen. Die Nuancen und sich verändernden Schönheitsdefinitionen lassen sich in vier Gruppen aufteilen...

Die Traditionalistinnen (China, Indien, Südafrika und die Türkei)
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Religion und gesellschaftliche Konventionen bilden den kulturellen Schwerpunkt im Leben der Traditionalistinnen. Mädchen empfinden, dass der gesellschaftliche Druck, dem Vorbild der Mutter Folge zu leisten, sehr hoch ist. Hier hat sich eine einzigartige Spannung entwickelt, da mehr und mehr junge Frauen die traditionellen Einstellungen und Schönheitsideale der vorherigen Generationen hinterfragen. Interessanterweise haben Frauen und Mädchen, die dieser kulturellen Gruppe zugehörig sind, ein höheres Körperselbstbewusstsein als im Vergleich zu den „modernen Kulturen“. 96 Prozent der indischen Frauen sind sich ihrer eigenen Schönheit bewusst – der höchste Wert im Ländervergleich!

Die Modernistinnen (Deutschland, USA, Kanada, Großbritannien und Australien)
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Während ihr privates und öffentliches Leben von einem modernen Standard an Gleichberechtigung und Freiheit geprägt sind, erfahren Modernistinnen einen hohen gesellschaftlichen Druck, „alles zu sein“ (Hausfrau, Mutter, Karrierefrau etc.) und möglichst „alles zu geben“. Diese kulturelle Gruppe ist sich der negativen Auswirkungen der Medien auf das eigene Schönheitsbild zwar durchaus bewusst, lässt sich davon aber dennoch beeinflussen und hat dementsprechend auch ein geringeres Körperselbstbewusstsein. Das anschaulichste Beispiel sind hier die USA: 50 Prozent der Amerikanerinnen fühlen sich selbstbewusst in ihrer Schönheit – das sind 35 Prozent weniger als noch im Jahr 2010.

Die Dualistinnen (Mexiko, Brasilien und Russland)
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Dualistinnen leben ein vielschichtiges und gegensätzliches Leben: Öffentlich werden sie darin bestärkt, sich zu bilden und karriereorientiert zu denken, im Privaten wird von ihnen jedoch erwartet, das traditionelle Frauenbild als Hausfrau und Mutter zu erfüllen. Das Schönheitsbild schwankt zwischen traditionellen Vorstellungen und modernen Idealen.

Dass sehr unattraktive Menschen vergleichsweise viel Geld verdienten, widerspricht nach Auffassung der Autoren der These, dass sie eher diskriminiert werden. Auch für finanzielle Nachteile durch Selbstbeschränkung fanden die Forscher keine Bestätigung. Bei letztem Punkt versuchten sie, statt Attraktivität die Merkmale Gesundheit, Intelligenz und positive Persönlichkeitsaspekte in ihrer finanziellen Auswirkung zu berechnen. Hier fanden sie ihrer Auffassung nach deutliche Belege. Sprich: Jemand werde zwar möglicherweise als „schön“ eingestuft, bekomme aber de facto deshalb mehr Geld, weil er intelligenter, gesünder und in seiner Persönlichkeit offener und positiver sei.

Für den Pionier der Attraktivitätsforschung, den US-Ökonomen Daniel Hamermesh („Beauty Pays“) von der University of London, lässt die Studie einige strukturelle Fragen offen. Andere Arbeiten seien ebenfalls auf Basis der „Add Health“-Daten zu Ergebnissen gekommen, die die These der „Schönheitsprämie“ voll stützten. „Das einzige „ungewöhnliche“ Ergebnis ist ein Blick auf die winzige Fraktion der jungen Leute, die als sehr unattraktiv eingeschätzt werden – eine viel zu kleine Gruppe“, erläutert Hamermesh.

In der Tat werden dieser Gruppe höchstens 280 Teilnehmer zugeordnet, während in anderen mehr als 4.500 zu finden sind. Auch Arbeitsökonom Thomas Bauer vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hält die allgemeine Aussage, dass sehr unattraktive Menschen mehr verdienen als viele besser aussehende, auf dieser geringen Datenbasis für schwer haltbar.

Zudem habe das angeführte mittlere Einkommen der einzelnen Gruppen keine wirkliche Aussagekraft. „Es berücksichtigt zum Beispiel nicht, wie viele unattraktive Menschen gar keinen Job finden“, sagt Bauer. Auf Deutschland übertragbar seien die Ergebnisse ohnehin nicht. „Die Situation ist hier eine andere.“ Es gebe Tarifverträge, Gleichstellungsbeauftragte und in vielen Fällen auch Betriebsräte, die bei Einstellungsgesprächen dabei seien.

Eva Sierminska hat die Frage 2015 in Deutschland untersucht. Die Ökonomin, die unter anderem am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) tätig ist, bilanziert darin: „Für Frauen haben wir eine durchschnittliche „Schönheitsprämie“ von zwei bis vier Prozent am unteren Ende der Gehaltsverteilung gefunden.“ Für Männer liegt das Einkommensplus für gutes Aussehen demnach sogar bei fünf bis sieben Prozent und zieht sich durch alle Gehaltsstufen.

  • dpa
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2 Kommentare zu "Ökonomie: Studie hinterfragt „Schönheitsprämien“ im Job"

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  • Warum denn nicht. Auch ich umgebe mich lieber mit den schönen Dingen des Lebens.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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