Ökonomischen Auswirkungen befürchtet
Kaukasus-Konflikt: Moskaus Börse wird nervös

Mit der schnellen Anerkennung der beiden abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien hat Russland die westlichen Regierungen überrumpelt. Der Kreml zeigt EU, Nato und USA die kalte Schuler. Die Börse in Moskau allerdings reagiert weniger gelassen. Die Händler ahnen, dass die Entscheidung dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaftsbeziehungen haben könnte.

ink/huh/tom MOSKAU/BERLIN. "Zutiefst besorgt" hatte US-Präsident George W. Bush an die russische Führung appelliert, es im Georgien-Konflikt nicht weiter auf die Spitze zu treiben. Noch am Montag hatte auch Außenministerin Condoleezza Rice gewarnt, Washington werde sicherstellen, "dass es keine neuen Trennlinien in Europa gibt". Die Antwort aus Moskau kam nur wenige Stunden später und hätte klarer nicht sein können: Der Kreml schert sich schlicht nicht darum, was die USA und der Westen insgesamt denken und wollen. Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens wurden die letzten Hoffnungen auf eine Moskauer Mäßigung zerstört.

Sowohl die USA als auch die EU reagierten mit harscher Kritik, nachdem Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew seine Entscheidung bekannt gegeben hatte. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat davor gewarnt, dass die russische Anerkennung der beiden georgischen Regionen Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten die Bemühungen des Sicherheitsrats für eine Lösung des Konflikts gefährden könnte. "Die heutige Entwicklung könnte weitreichende Folgen für die Sicherheit und die Stabilität im Kaukasus haben", sagte eine Sprecherin Bans am Dienstag. Der Generalsekretär lege starken Wert darauf, dass alle Zivilisten in der Konfliktregion geschützt würden, fügte sie hinzu.



Als Reaktion auf die westliche Kritik setzte Russland die Zusammenarbeit mit der Nato mindestens ein halbes Jahr aus. Zudem drohte ein Diplomat, den Nato-Streitkräften die Überflugrechte für die Versorgung der internationalen Soldaten in Afghanistan zu entziehen.

Georgien sprach von einer "offenen Annexion" seines Territoriums. Medwedjews Entscheidung sei nicht nur völkerrechtswidrig, sie widerspreche außerdem den Verfassungen von Georgien und Russland, sagte der Sekretär des georgischen Sicherheitsrats, Alexander Lomaja, laut der Agentur Itar-Tass. Der Schritt werde Russland international isolieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte das russische Vorgehen "absolut nicht akzeptabel". US-Präsident George W. Bush erklärte, dass "diese Entscheidung im Kontrast zu zahlreichen Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, für die Russland in der Vergangenheit gestimmt hat" stehe. "Dies ist auch nicht mit dem von Frankreich vermittelten Sechs-Punkte-Plan, den Präsident Medwedew unterzeichnet hat, vereinbar", ließ Bush weiter verlauten. US-Außenministerin Condoleezza Rice nannte die Entscheidung Moskaus bedauerlich. Der britische Außenminister David Miliband warf Medwedjew vor, die Krise in Georgien weiter anzuheizen. Er werde an diesem Mittwoch in die Ukraine reisen, um "eine größtmögliche Koalition gegen den russischen Angriff" zu versammeln.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich tief beunruhigt über die Eskalation des Konfliktes im Südkaukasus gezeigt. Es handele sich um "eine der größten Krisen seit dem Ende des Kalten Krieges", sagte der stellvertretende SPD-Chef am Dienstagabend auf einem Parteisommerfest in Brandenburg an der Havel. Derzeit seien nach seinem Eindruck "viel zu viele mit Streichhölzern unterwegs, und nur wenige wollen den Feuerlöscher tragen". Er hingegen wolle gemeinsam mit den Außenministern der Europäischen Union einen Weg zurück in Richtung Stabilität und Frieden suchen.

Auch Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer übte harsche Kritik. "Dies ist ein direkter Verstoß gegen zahlreiche Resolutionen des Uno-Sicherheitsrats zur territorialen Integrität Georgiens - Resolutionen, die Russland selbst mitgetragen hat", sagte er. "Das russische Handeln der vergangenen Wochen stellt Russlands Bekenntnis zu Frieden und Sicherheit im Kaukasus in Frage."

Immer deutlicher werden auch die ökonomischen Auswirkungen der angespannten Beziehungen zum Westen. Seit Beginn der Krise haben russische Aktien bereits deutlich an Wert eingebüßt. Nach einem Höchststand Ende Mai verlor der Leitindex mittlerweile bereits 40 Prozent an Wert. Viele ausländische Anleger zogen Kapital ab.

Für russische Unternehmen steigen die Kosten

Für russische Unternehmen steigen zudem die Kosten, sich über den internationalen Finanzmarkt Geld zu beschaffen, weil das politische Risiko Russlands gestiegen ist. Die Anleger fordern daher für russische Anleihen höhere Zinsen. "Wie schlimm es wird, lässt sich heute aber noch nicht sagen", Sergej Guriew, Rektor der New Economic School in Moskau.

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