Öl-Boom in Alberta
Kanada muss Arbeitskräfte importieren

Die Hilferufe aus der kanadischen Wirtschaft werden immer lauter: "Arbeitskräfte gesucht". Obwohl zahlreiche Arbeitnehmer aus anderen Provinzen in das kanadische Öl-Mekka Alberta strömen, reichen auch sie nicht mehr aus. Mitarbeiter aus dem Ausland werden angeheuert, auch aus Deutschland.

TORONTO. Große und arbeitsintensive Investitionsprojekte in der ölreichen Provinz Alberta müssen verschoben oder verlagert werden. Der Grund sind mangelnde Arbeitskräfte, vor allem in Fort McMurray, dem Epizentrum des Ölsand-Booms. Deshalb dürfte das von Banken für 2006 prognostizierte 8%ige Wirtschaftswachstum Albertas nur halb so stark ausfallen. Ein anderer Vergleich ist ebenfalls frappierend. Während die Arbeitslosenrate in Kanada im März 2006 auf 6,3% und damit auf das niedrigste Niveau seit 32 Jahren gefallen ist, liegt sie in Alberta bei nur 3,4%. Damit notiert sie unterhalb der "natürlichen Arbeitslosigkeit". Die Folgen sind Projektverzögerungen, Lohndruck und entsprechende Kostensteigerungen.

Aus diesen Gründen verlassen bereits einige Unternehmen aus dem Nicht-Ölsektor die "heißeste" Wirtschaftsregion Kanadas. Insgesamt gewinnt der Arbeitskräftesog in Alberta, der schon Arbeitnehmer aus anderen Provinzen in Scharen angezogen hat (Bevölkerungsanstieg um fast 1% im 4. Quartal 2005), weiter an Zugkraft. Selbst in den traditionellen Industrieprovinzen Ontario und Québec, wo es zu Massenentlassungen im Industriesektor (z.B. Kfz-Branche) kommt, reduziert sich die Arbeitslosigkeit.

Der größte Arbeitskräftemangel besteht zweifellos in der auf Hochtouren laufenden Öl- und Gasindustrie sowie im Bergbau. Dies gilt vor allem für die Ölsand-Branche in Alberta. Von Bergleuten über Schweißer und Elektriker bis zu Ingenieuren und Projektmanagern werden Fachkräfte gesucht. Da sich der Nachfragedruck im Energiesektor auch auf die vor- und nachgelagerten Branchen auswirkt, ist dort ebenfalls der Mangel an Arbeitskräften spürbar. Ob Dienstleistungsunternehmen, metallverarbeitende Betriebe oder Maschinenzulieferer, alle klagen über den Engpass Nr. 1, erfuhr die Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) in Alberta. Da in Folge des Ölbooms nicht nur die Abbaustätten und die Raffineriebauten in die Höhe schießen, sondern auch die Bürotürme der Unternehmen, floriert der Bausektor entsprechend. Auch Handel, Finanzen, Transport und andere Dienstleistungen werden vom Schwung des Rohstoffsektors erfasst.

Nach einer Umfrage im 2. Halbjahr 2005 klagten die Bauindustrie mit 66%, der Transport- und der Rohstoffsektor mit jeweils 63% und die verarbeitende Industrie mit 57% am häufigsten über Arbeitskräftemangel. Danach folgten der Groß- und Einzelhandel, Krankenhäuser, Landwirtschaft und Unternehmensdienstleistungen. Regional betrachtet war bei der Umfrage der Canadian Federation of Independent Business der Mangel in Alberta am akutesten. Danach kamen die anderen West-Provinzen Saskatchewan, British Columbia und Manitoba. Steigende Temperaturen auf dem Arbeitsmarkt zeigt auch das "Jobbörsen-Barometer" des Online-Vermittlungsdienstes Monster Canada. So lag die Einstellungsaktivität im März 2006 um 20% über dem Niveau des Vorjahres. Am stärksten nachgefragt waren Personal im Gesundheitsdienst, Handwerker, Fahrer und Maschinenbetreiber. Bis auf die Region Kitchener in Ontario lagen dabei alle "hotspots" im boomenden Westen Kanadas.

Da die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Osten Kanadas nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken, wird nun verstärkt im Ausland um Fachkräfte geworben. So wollen einige Investoren für den Aufbau ihrer Ölsand-Projekte Arbeiter aus Übersee, u.a. der VR China, ins Land holen. Ein weiteres Mittel, das von politischer Seite erwogen wird, ist die stärkere Öffnung der Einwanderungsschleuse. Kommen bislang jährlich zwischen 220 000 und 245 000 Zuwanderer ins Land, hat die kürzlich abgewählte liberale Regierung bis 2010 eine Zielmarge von rd. 330 000 gesetzt. Die neue, konservative Administration hat bislang noch nicht entschieden, ob sie sich an diese Vorgabe hält. Sie hat jedoch traditionell ein offenes Ohr für die Belange der Wirtschaft.

Kurzfristige Erleichterung schafft das Programm für zeitlich begrenzte ausländische Arbeitskräfte (temporary foreign workers). So kommen in diesem Rahmen jedes Jahr rd. 90 000 Arbeitnehmer ins Land, vorwiegend aus den USA, Mexiko, Großbritannien, Australien und Indien. Auch aus Deutschland kommen Arbeitskräfte, jedoch nicht in Scharen. Dabei sind deutsche Fachkräfte in Kanada sehr gefragt. Einen exzellenten Ruf genießt besonders die deutsche Berufsausbildung. Die Fachkenntnisse und Fertigkeiten müssen aber im Zuge einer Prüfung in Kanada nachgewiesen werden. Diese Hürde dürfte jedoch für einen Facharbeiter zu nehmen sein, schätzen Landeskenner. Darüber hinaus sollte gutes Schulenglisch zum Reisegepäck gehören.

Neben privaten Arbeitsvermittlungsdiensten ist die staatliche Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn bei der Stellenvermittlung behilflich. So hat sie im März 2006 zusammen mit der kanadischen Botschaft in Berlin und den Provinzen Alberta und Ontario Job-Messen in mehreren deutschen Großstädten durchgeführt. Hierbei wurden überwiegend Arbeitskräfte für technische und handwerkliche Berufe gesucht, die für mindestens ein Jahr in Kanada arbeiten möchten.

Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).

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