Öl- und Gasindustrie
Reise mit dem Bildschirm-Putin

Eine 20-minütige Bildschirmansprache entschädigt für scharfe Sicherheitskontrollen und stundenlange Warterei: Der russische Regierungschef Wladimir Putin hat in Sewerodwinsk am Weißen Meer über die Zukunft der russischen Öl- und Gasindustrie gesprochen – und deren Chefs heftig angeraunzt. Die medienwirksame Inszenierung eines Machers.

SEWERODWINSK. Der Mann, auf den es ankommt, erscheint nur 20 Minuten auf dem Bildschirm. Wladimir Putin, russischer Regierungschef, ist hoch in den Norden, nach Sewerodwinsk am Weißen Meer gefahren, um dort darüber zu reden, wie es mit der russischen Öl- und Gasindustrie vorangehen kann. Mit ihm sind die Chefs der großen Öl- und Gaskonzerne angereist und der Tross der Regierungsjournalisten. Für die Rede, die sie in zwei kleinen Räumen unter dem Versammlungssaal im „Haus der Ingenieure“ verfolgen dürfen, sind sie zwei Stunden mit dem Flugzeug von Moskau geflogen.

Physisch bekommt das Gros der Reporter den nach wie vor wohl wichtigsten Politiker des Landes allerdings nicht zu sehen – Sicherheitsvorschriften. Während gegenüber auf dem Trottoir rund hundert Passanten Putin kurz zujubeln können, als er nach einem Besuch der größten Werft des Landes mit fast zwei Stunden Verspätung eintrifft, werden die Journalisten, bis auf die Kameraleute, in ihre Räume gesperrt – Bildkontakt gern, Blickkontakt unerwünscht.

Doch dann entschädigt der Bildschirm-Putin für die Unbill des Wartens und die ausgiebigen Sicherheitschecks. In gewohnt scharfer Manier macht er seine Ansagen an die versammelten Politiker und Multimilliardäre. „Sie brauchen hier jetzt nicht mit dem Kopf zu nicken“, raunzt er etwa Gazprom-Chef Alexej Miller an. Die russische Öl- und Gasindustrie stehe „an einem Scheideweg“, resümiert Putin. Es muss sich etwas ändern, denn die Ölförderung fällt.

Gazprom soll auch seine Pipelines für andere Konzerne öffnen, damit diese das bei der Ölförderung anfallende Gas nicht einfach abfackeln müssen. Miller, der wie Wirtschaftsministerin Elwira Nabiulina oder der für die Öl- und Gasindustrie zuständige Vizepremier Igor Setschin Schülern gleich seinem Herrn lauscht, bekommt gleich mehrfach den Kopf gewaschen: Er solle doch bitte nicht die Interessen des Unternehmens über die des Landes stellen.

Dann erteilt der Regierungschef das Wort seinem neuen Energieminister Sergej Schmatko. Der murmelt mit gesenktem Kopf seine Analyse vom Blatt. Der Bildschirm-Putin ist dann noch einmal kurz eingeblendet, wie er ungeduldig den Vortragenden fokussiert – dann bricht die Übertragung ab. Die Diskussion, die sich länger als geplant hinzieht, findet hinter verschlossenen Türen statt.

Auch Sewerodwinsk war jahrelang „geschlossen“ – die riesige Werft, die der 70 Jahre alten Sowjetstadt ihren Zweck gibt, ist für ausländische Journalisten bis heute nicht zugänglich. Hier lief unter anderem die Kursk vom Stapel, das russische Vorzeige-U-Boot, das unter tragischen Umständen sank und seine gesamte Mannschaft mitnahm. In der rund 180 000 Seelen zählenden Stadt mit den Stalinbauten im Zentrum und zahlreichen bis heute bewohnten Holzhäusern aus ihren Gründungsjahren gibt es keine lokale Postkarte. Warum sollte jemand auch eine von hier verschicken? Für sechs Stunden ist Sewerodwinsk aber der Mittelpunkt Russlands.

Monate vorher hat sich die lokale Administration vorbereitet. Bis zuletzt wurde gepinselt und geputzt, wurden Straßenschilder erneuert – überall riecht es nach frischem Teer, den Bauarbeiter in letzter Minute in die übelsten Schlaglöcher gefüllt haben – damit der Putin-Konvoi nicht allzu arg durchgeschüttelt wird. Die Miliz hat die örtliche Presse angewiesen, keine kritischen Artikel zu verfassen. Am „P-Tag“ selbst erscheint aber immerhin im „Sewernij Komsomolez“ ein Kommentar, der resümiert: Wir haben für den Besuch von Putin alles getan. Warum schaffen wir es nicht, im Alltag unsere Stadt in Ordnung zu halten?

Später wird Gazprom-Chef Miller, dem seine Abneigung, vor Journalisten zu sprechen, geradezu körperlich anzumerken ist, und der Energieminister zu den Medien reden. Es soll weitere Steuererleichterungen für die Öl- und Gaskonzerne geben. Der Bildschirm-Putin ist da schon längst weg. Ein kurzes Bad in der Menge, dann ab zum Flughafen. Die Journalisten können ihn später wiedersehen: in den Hauptnachrichten.

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